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Samstag, 4. November 2023

Museum/Demokratie. Eine Veranstaltung von museumdeneken. Videos

Der 34. Österreichische Museumstag fand von 11.–14. Oktober 2023 in Bregenz und Dornbirn statt. Veranstalter waren die Teams des vorarlberg museums und der intatura Dornbirn.

In diesem Jahr richtete museumdenken zum Ausklang des Österreichischen Museumstags 2023 in Kooperation mit dem Österreichische Museumsbund und der CampusVäre Dornbirn eine Veranstaltung zum Thema Museum / Demokratie aus.

Eingeladen waren Teilnehmer:innen des Museumstages sich mit uns gemeinsam Fragen nach Demokratie und Museum zu stellen: Wie steht es um das Verhältnis von Demokratie und Museum? Kann es nur innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften demokratische Museen geben? Und genügt es schon, dass demokratische Staaten Museen betreiben, um sie als demokratisch zu verstehen? Wie demokratisch sind also die Werte, die das Museum produziert und vertritt angesichts dieser massiven sozialen Dimension? Welche Formen der Beteiligung entwickeln Museen und wie tief reichen die partizipatorischen Projekte? Wo ist der „Demos“, der das Museum trägt, am Museum beteiligt, außer im Modus des Konsums? Wie politisch können oder müssen Museen in einer demokratischen Gesellschaft sein? Was leisten Sie für eine Demokratie, die von außen wie von innen als bedroht wahrgenommen werden muss? Wie reagieren sie auf Zerfallserscheinungen demokratischer Öffentlichkeit und auf gesellschaftliche Polarisierung?

Der erste Impulsgeber, Prof. Anselm Franke (Zürcher Hochschule der Künste), ging in seinem Vortrag auf die Zusammenhänge von Revisionismus, Menschenrechte und Multiperspektivität ein. Hier geht es zum Video.

Dr. Angela Jannelli (Historisches Museum Frankfurt) zeigte in ihrem Impulsvortrag zu Demokratie, Partizipation, Museum und dem Wir-Gefühl fünf Beobachtungen aus der Museumspraxis auf. Hier geht es zum Video.

Und im Anschluss diskutierte Moderatorin Bettina Steindl (CampusVäre) mit Gottfried Fliedl (museumdenken), Dr. Georg Hoffmann(Heersgeschichttliches Museum), Sibylle Dienesch (Graz Museum) und Dr. Eva Grabher (okay.zusammenleben) über Museum und Demokratie. Hier geht es zum Video.

Die Veranstaltung "Museum / Demokratie" ist in Kooperation mit der CampusVäre Dornbirn und als Programmteil des 34. Österreichischen Museumstages (11.-14.10.2023 in Bregenz, Dornbirn, Hohenems) entstanden.Wir bedanken und bei allen Teilnehmer:innen und Vortragenden sowie unseren Kooperationspartnern für den wunderbaren Vormittag in Dornbirn.

Montag, 9. Oktober 2023

Museum/Demokratie. Eine Veranstaltung von "Museumdenkem" in der CampusVäre Dornbirn

 

Museum/Demokratie
Demokratie/Museum

14. Oktober 2023, 9:30-12:30 Uhr, CampusVäre Dornbirn, Spinnergasse 1, Dornbirn

Eine öffentliche Veranstaltung von museumdenken zum Ausklang des Österreichischen Museumstags 2023 in Kooperation mit der CampusVäre Dornbirn und dem Österreichischen Museumsbund
 
Programm
Moderation: Dr. Bettina Steindl (CampusVäre Dornbirn)
 
9:30- 11:00 Uhr: Impulse und Diskussion
 
Prof. Anselm Franke (Curatorial Studies, ZHDK)
Museen als Geschichtswerkstätten
Revisionismus, Menschenrechte und Multiperspektivität
 
Dr. Angela Jannelli (Historisches Museum Frankfurt)
Es muss etwas geschehen – es darf aber nichts passieren!
Demokratie, Partizipation, Museum und das Wir-Gefühl
Fünf Beobachtungen aus der Museumspraxis
 
11:00-11:30Uhr: Kaffeepause
 
11:30-12:30Uhr: Podiumsdiskussion
Was macht ein Museum demokratisch?
Mit Mag.a Sibylle Dienesch (Graz Museum), Dr. Eva Grabher (okay.zusammenleben), und Dr.Georg Hoffmann (Heeresgeschichtliches Museum) Dr.Gottfried Fliedl (museumdenken)
 
Museen gibt es in allen Staats-,Herrschafts- und Gesellschaftsformen. Aber wie steht es um das Verhältnis von Demokratie und Museum? Kann es nur innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften demokratische Museen geben? 

Und genügt es schon, dass demokratische Staaten Museen betreiben, um sie als demokratisch zu verstehen? Als wichtigstes Merkmal für „demokratisch“ gilt am Museum dessen uneingeschränkte Zugänglichkeit, obwohl bekannt ist, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung Museen nicht aufsucht. 

Wie demokratisch sind also die Werte, die das Museum produziert und vertritt angesichts dieser massiven sozialen Dimension? Welche Formen der Beteiligung entwickeln Museen und wie tief reichen die partizipatorischen Projekte? Anders gesagt: wo ist der „Demos“, der das Museum trägt, am Museum beteiligt, außer im Modus des Konsums? 

Wie politisch können oder müssen Museen in einer demokratischen Gesellschaft sein? Was leisten Sie für eine Demokratie, die von außen wie von innen als bedroht wahrgenommen werden muss. Wie reagieren sie auf Zerfallserscheinungen demokratischer Öffentlichkeit und auf gesellschaftliche Polarisierung? 

Mit diesen und anderen Fragen wollen wir uns am Ende des Österreichischen Museumstages in einer öffentlichen Veranstaltung beschäftigen: mit kurzen einleitenden Referaten und einem moderierten Plenum – in einem geschützten Raum, indem Kritik und Kontroverse unter Anerkennung aller Standpunkte möglich sein wird. Wir verstehen das als Einladung zur Entwicklung eines Museumsdiskurses, der grundsätzliche Fragen aufwirft, nicht zuletzt die, welches Museum es denn in diesen Zeiten braucht.

Anmeldung unter: info@museumdenken.eu 


Dienstag, 26. September 2023

Demokratie und Museum. Eine Veranstaltung von "museumdenken“ im Rahmen des Österreichischen Museumstages

 

Demokratie/Museum

14. Oktober 2023, 9:30-12:30 Uhr, CampusVäre Dornbirn, Spinnergasse 1, Dornbirn


Eine öffentliche Veranstaltung von museumdenken zum Ausklang des Österreichischen Museumstags 2023 in Kooperation mit der CampusVäre Dornbirn und dem Österreichischen Museumsbund


Programm

Moderation: Dr. Bettina Steindl (CampusVäre Dornbirn)

9:30- 11:00 Uhr: Impulse und Diskussion 

Prof. Anselm Franke (Curatorial Studies, ZHDK)
Museen als Geschichtswerkstätten 
Revisionismus, Menschenrechte und Multiperspektivität

Dr. Angela Jannelli (Historisches Museum Frankfurt)
Es muss etwas geschehen – es darf aber nichts passieren!
Demokratie, Partizipation, Museum und das Wir-Gefühl
Fünf Beobachtungen aus der Museumspraxis


11:00-11:30 Uhr: Kaffeepause


11:30-12:30 Uhr: Podiumsdiskussion
Was macht ein Museum demokratisch?
Mit Mag.a Sibylle Dienesch (Graz Museum), Dr. Eva Grabher (okay.zusammenleben), und Dr. Georg Hoffmann (Heeresgeschichtliches Museum)


Museen gibt es in allen Staats-, Herrschafts- und Gesellschaftsformen. Aber wie steht es um das Verhältnis von Demokratie und Museum? Kann es nur innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften demokratische Museen geben? Und genügt es schon, dass demokratische Staaten Museen betreiben, um sie als demokratisch zu verstehen? Als wichtigstes Merkmal für „demokratisch“ gilt am Museum dessen uneingeschränkte Zugänglichkeit, obwohl bekannt ist, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung Museen nicht aufsucht. Wie demokratisch sind also die Werte, die das Museum produziert und vertritt angesichts dieser massiven sozialen Dimension? Welche Formen der Beteiligung entwickeln Museen und wie tief reichen die partizipatorischen Projekte? Anders gesagt: wo ist der „Demos“, der das Museum trägt, am Museum beteiligt, außer im Modus des Konsums? Wie politisch können oder müssen Museen in einer demokratischen Gesellschaft sein? Was leisten Sie für eine Demokratie, die von außen wie von innen als bedroht wahrgenommen werden muss. Wie reagieren sie auf Zerfallserscheinungen demokratischer Öffentlichkeit und auf gesellschaftliche Polarisierung? Mit diesen und anderen Fragen wollen wir uns am Ende des Österreichischen Museumstages in einer öffentlichen Veranstaltung beschäftigen: mit kurzen einleitenden Referaten, mit eingeladenen Kommentator:innen und einem moderierten Plenum – in einem geschützten Raum, in dem Kritik und Kontroverse unter Anerkennung aller Standpunkte möglich sein wird. Wir verstehen das als Einladung zur Entwicklung eines Museumsdiskurses, der grundsätzliche Fragen aufwirft, nicht zuletzt die, welches Museum es denn in diesen Zeiten braucht.


Freitag, 4. August 2023

Nachdenken in der Pause (Texte im Museum 1069)

 

Mit etwas Boshaftigkeit ausgestattet könnte man fragen, soll man durch Budgetkürzungen Museen dazu zwingen (endlich) mal über sich nachzudenekn?

Dienstag, 16. Mai 2023

Das Museum als Fest

 

„Das ist ja das, was ich erreichen möchte, (…) dass die Leute ins Museum hereinströmen, wie in die Buden auf dem Oktoberfest.“




Oskar von Miller, 1905

Freitag, 5. Mai 2023

Montag, 11. April 2022

Dienstag, 26. Oktober 2021

„Museum am Ende der Zeit“. Österreichischer Museumstag 2021

 Am Österreichischen Museumstag, Graz, 2021, wurde der Initiative „museumsdenken“  ein ganzer Tag eingeräumt, um eine Grundsatzdiskussion zu beginnen: welchen Herausforderungen müssen sich Museen stellen angesichts mindestens dreier, miteinander verknüpfter Krisen. Corona-Pandemie, Klimakrise und Erosion des Demokratischen fordern Museen. Antworten lassen sich nicht mehr aus der Museumspraxis und deren partieller Transformation gewinnen, sondern aus der Reflexion der gesellschaftlichen Rolle von Museen.

Acht Expertinnen und Experten diskutierten in zwei Gruppen und es gab Zeit für Teilnehmerinnen, selbst Antworten in Gesprächsrunden zu suchen.

Seit wenigen Tagen ist dieser Tag auf VIMEO online verfügbar: https://vimeo.com/637042992


Donnerstag, 25. März 2021

Das Museum als aktiver Moderator sozialer Demokratie

 Das Museum als aktiver Moderator sozialer Demokratie

 

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Dieser Text basiert auf Notizen, die einem Beitrag zu einer Veranstaltung zu Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie zugrunde lagen. Die von der Hans Böckler Stiftung veranstaltete Zusammenkunft hatte den Untertitel Soziale Demokratie im Kulturhistorischen Museum. Wege zum partizipativen Museum. Meine für fünfzehn Minuten Redezeit vorbereiteten Überlegungen waren eher fragmentarisch und sind es mit ein paar Glättungen und Ergänzungen auch geblieben.

 

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Was wäre das - ein Museum der sozialen Demokratie?

Welche Erwartungen knüpfen sich an ein solches Museum?

Kann es so etwas geben, ein Museum, in dem die sozialen Bürgerrechte repräsentiert werden?

 

Soziale Demokratie, so lege ich es mir zurecht, ist eine gesellschaftliche Ordnung, in der nicht nur die verschiedene Menschen-, Grund- und Freiheitsrechte gesichert sind, sondern auch die materiellen Bedingungen und soziale Rechte, die den Genuss dieser Grund- und Freiheitsrechte überhaupt erst ermöglichen.

Für mich ergeben sich daraus drei Fragen: Wie weit wird das Museum als Organisation diesem Anspruch gerecht? Wie spiegeln die Sammlungspolitik, die Sammlung und die und die Ausstellungen diesen Anspruch? Und schließlich: Welches Verhältnis pflegt das Museum zu seinem Publikum und generell zur Öffentlichkeit. Wie bestimmt es seinen Platz und seine Aufgabe innerhalb Gesellschaft.

 

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Ich möchte zuerst kurz skizzieren, wie ich die drei Anforderungen in der derzeitigen Museumspraxis realisiert bzw. nicht realisiert sehe.

Zur ersten Frage: Ist das Museum eine Organisation, die man demokratisch nennen kann, in der soziale Demokratie selbst verankert ist? In welchen Museumsorganisationen ist Demokratie eine zentrale Handlungsorientierung und etwas, was die innerbetrieblichen Machtverhältnisse, Abläufe und Entscheidungen prägt?

Ich kann dazu nur beispielhaft und anekdotisch etwas beitragen, ich kenne keine empirischen Untersuchungen zu musealen Organisationsformen.

Was mir sofort eingefallen ist, ist der einzige mir bekannte Versuch, gewerkschaftliche Mitbestimmung in Museen einzuführen. Das sogenannte Hamburger Modell vom Anfang der 70er-Jahre, das von MItarbeiterInnen der kommunalen Hamburger Museen gefordert und von den Museumsleitern heftig bekämpft wurde. Der von mir geschätzte Leiter der Hamburger Kunsthalle entsetzte sich mit der Vorstellung Da könne ja nun jede Putzfrau bei den Ausstellungen mitbestimmen.

 

Keine gewerkschaftliche aber überhaupt Mitsprache forderten jüngst die Leiter der Museen der Stiftung Preussischer Kulturbesitz ein, um sich in einen Evaluationsprozess einzuklinken, der zunächst ohne ihr Wissen und zutun von der Kulturstaatssekretärin begonnen worden war und im dem eine Zeit lang die Zerschlagung der Stiftung im Raum stand. Die mir völlig sinnvoll und selbstverständliche Beteiligung der Museumsdirektoren wurde von einer großen überregionalen Zeitung gar als basisdemokratische Revolution bezeichnet.

 

Ein anderes Beispiel für Implementierung sozialer Demokratie ist der Versuch, an den österreichischen Bundesmuseen einen Kollektivvertrag durchzusetzen. In erster Linie wird das zur Verbesserung der Anstellungsbedingungen und Entlohnung der Vermittlerinnen führen - die weibliche Form ist hier angebracht, es ist überwiegend ein Frauenberuf, nicht gut bezahlt und mit prekären Bedingungen. Für die Realisierung dieses Vorhabens, so höre ich, gibt es gute Aussichten.

 

3

 

Ich komme zur zweiten Frage: Wie spiegeln die Sammlungspolitik, die Sammlung und die Ausstellungen den Anspruch soziale Demokratie im Museum zu repräsentieren? Das heißt, wie wird die Geschichte der Arbeit, der der Arbeiterbewegung und ihrer Organisation, der sozialen Kämpfe und Reformen, der Organisation der Arbeiterschaft und vieles andere mehr durch Museen repräsentiert.

Da kann ich mich auf eine umfangreiche Recherche von Wolfgang Jäger berufen, der sich in einer Reihe deutscher kulturhistorischer Museen auf die Suche nach sozialer Demokratie in Ausstellungen gemacht hat. (Wolfgang Jäger: Soziale Bürgerrechte im Museum. Die Repräsentation sozialer Demokratie in neun kulturhistorischen Museen. Bielefeld 2000. Mir stand ein umfangreiches Manuskript von Wolfgang Jäger zu diesem Thema zur Verfügung). Sein Befund ist ernüchternd, aber nicht überraschend. In vielen (kultur)historischen Museen ist er kaum bis gar nicht fündig geworden. Soziale Demokratie spielt in den Erzählungen der einschlägigen Museen, nicht jene Rolle, die ihr in der Wirklichkeit zugekommen ist und zukommt. (*)

Ich denke, in Österreich würde eine ähnliche Recherche ebenso ernüchternd ausfallen und die Existenz des Museums Industrielle Arbeitswelt Steyr, auf Initiative der Gewerkschaftsjugend gegründet, das verdienstvolle Ausstellungen macht, muß man ebenso als eine Ausnahme aus der Regel ansehen wie das wunderbare Museum Das Rote Wien im Waschsalon des Karl Marx-Hofes in Wien, das die Kommunalpolitik des sozialistisch regierten Wien in der Ersten Republik zeigt aber auch den hohen Grad und die Qualität der Selbstorganisation der Arbeiterschaft.

 

4

 

Die dritte Frage ist die nach der Beziehung des Museums zu seinem Publikum und zur Gesellschaft insgesamt.

Wie sattsam bekannt, gibt es eine inzwischen universale Kennzahl, die über den Wert und Wirkung von Museen - vermeintlich - Auskunft gibt. Die Anzahl der Besuche(r).

Jüngst las ich, daß eine englische Tageszeitung eine Bezahlung der MitarbeiterInnen nach der Zahl der Klicks ihrer Artikel einführen will. Noch ist es am Museum nicht so weit, aber die Bindung von „Erfolg“ und „Wert“ der Institution ist schon lange eng mit der Besucherstatistik gekoppelt. Damit einher hat sich eine Art neoliberaler Wettlauf entwickelt – in Österreich zwischen den großen Kunstmuseen -, um mediale Aufmerksamkeit innerhalb der Konkurrenz der vielfältigen (hoch)kulturellen Angebote.

Was aber noch nachhaltiger zu wirken begonnen hat ist die Gleichsetzung dieser Zahlen mit der Vorstellung allgemeiner Zugänglichkeit und Akzeptanz des Museums. Die bei einzelnen Museen in die Hunderttausende gehenden statistischen Zahlen (der Louvre als einsamer Spitzenreiter übertraf die 10-Millionen-Marke) legen nahe, daß Museen universal zugängliche Bildungsinstitutionen sind – und daher demokratisch.

Diese irreführende Gleichsetzung ist alt. 1919 formulierte der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Gustav Pauli, den Satz, daß das Museum zu den "demokratischesten aller Bildungsinstitute“ gehört, das "jedermann ohne Legitimationsprüfung den Vorteil seiner stummen Belehrung gewährt.“

Das verrät nicht nur eine paternalistische pädagogische Haltung, Pauli legt uns nahe, das Museum als im sozialen Sinn völlig barrierefrei wahrzunehmen.

Spätestens seit den 80er-Jahren weiß man, dass das ganz und gar nicht stimmt. Etwa 50% einer Bevölkerung sind keine Museumsbesucher. Sie haben nicht die materiellen Voraussetzungen und verfügen nicht über die nötige Vorbildung.

Das Museum ist ein Ort der sozialen Distinktion

Und weil das Museum dennoch allgemeine Geltung seiner Werte vertritt, ist es auch ein Ort der kulturellen Hegemonie.

 

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Ich möchte nun meine drei Fragen noch einmal durchgehen, und überlegen, wie denn das Museum zu einem Ort der sozialen Demokratie, ein aktiver Moderator von Demokratie überhaupt werden kann.

Es liegt auf der Hand, dass sich die Organisation selbst verändern müsste, sowohl nach innen. als auch was ihre Einbettung in politisch-administrative Prozesse betrifft. Es muss in der Organisation veränderte Entscheidungsprozesse und Arbeitsabläufe geben; keinem Museum sollte erlaubt werden, von Partizipation sprechen dürfen, wenn es nicht Partizipation im weitesten Sinn in der Organisation selbst zulässt.

Und ohne kultur- und museumspolitischen Rahmen kann es kaum so etwas wie eine Vermittlung zwischen gesellschaftlichen Interessen und Bedürfnissen und institutionellem Handeln geben.

Man wird drittens nach Wegen suchen müssen, das Museum zur Gesellschaft hin durchlässiger zu machen, über Partizipation hinaus Teilhabe zu ermöglichen, in der in die Regeln der Institution eingegriffen werden darf. Denn Partizipation heißt, wenn sie mehr sein soll als ein von der Institution veranstaltetes und kontrolliertes Mitmachen, zuzulassen, dass sie die Institution selbst verändert.

Betriebe man das konsequent, dann hieße das, daß Museen Macht abgeben und Kontrolle mindestens lockern müssen. Dazu würden Museen bereit sein?

 

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Nun zur Frage nach der Öffentlichkeit des Museums. Diese Frage ist eine nach den Grundlagen unseres Verständnisses von Museen. Um mich verständlich zu machen, schiebe ich einen kurzen Exkurs zur Entstehung jenes Modells Museum ein, das wir immer noch gebrauchen. Es wird sich zeigen, wie verarmt das heute gebräuchliche Reden von der Öffentlichkeit des Museums geworden. Und ich möchte eine Grundlage gewinnen dafür, wie eine öffentliches Museum neu gedacht werden könnte.

Die Entstehung des Museums der Moderne hat ein präzises Datum. Am 10. August 1793 findet in Paris ein Fest, ein Umzug statt, ein Gründungsakt der Nation. Es wird am selben Tag eine neue Verfassung deklariert, die erste republikanische Frankreichs. Und am selben Tag wird das Museum im Louvre eröffnet.

Das Museum steht im Zentrum der Formierung einer Nation. Das Museum ist ein Ort eines zivilisierenden Rituals. Seine Rolle ist die, der Gemeinschaft zu ermöglichen, sich um das kulturelle Erbe zu scharen. Um Dinge, die ihre Funktion, ihren Sitz im Leben verloren haben, die aus der Warenzirkulation als unveräußerlich herausgehalten werden und darum so etwas wie einen heiligen Schatz bilden.

Dieses Erbe, die musealen Sammlungen repräsentieren die res publica, das Ding, das etymologisch als Thing in ein- und demselben Wort sowohl auf Sache und Sammlung als auch auf Versammlung (das Sich-Versammeln im Museumsraum) verweist. Es ist jene, im Grunde unidentifizierbare gemeinsame Sache, um derentwillen sich Gemeinschaften bilden, und die im Museum repräsentierbar scheint.

Das Museum (der Französischen Revolution) wirkt dabei auch kompensierend. Es kompensiert den Verlust von die Gemeinschaft zentrierenden, zusammenhaltenden transzendentalen Prinzipien und deren irdische Repräsentation, in Frankreich den des Königs und seiner zwei Körper, des göttlichen und des irdischen. Der wird angeklagt und wenige Monate nach der Museumseröffnung hingerichtet. Das Wegbrechen einer transzendentalen Identifikation hat die Suche nach neuen, nun innerweltlichen Formen der Identifikation zur Folge. Eine Antwort ist das Museum.

 

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Das Museum ist ab nun ein zivilisierendes Ritual. Aber es ist ab nun auch ein Ort der Vermittlung von Sach- und Orientierungswissen, von Geschichtserfahrung an – im Idealfall – für alle Staatsbürger.

Als Ort der Zivilisierung ist es einer, an der sich Bürger zu Staatsbürgern bilden, indem sie sich um ihre gemeinsamen und insofern öffentlichen Angelegenheiten kümmern. Die Öffentlichkeit der Institution Museum enthält also ein Versprechen von Gleichheit und Freiheit wie von Verantwortung aller Bürger für das Gemeinwohl.

Das Museum ist also beides zugleich: der Ort an dem Zivilisierung dargestellt und an der sie hergestellt wird.

Damit das geleistet werden kann, bedarf es einer bestimmten Struktur des Museums, eine, die in aus vier Merkmalen besteht.

 

Garantiertes Recht auf Bildung und der materiellen Voraussetzungen dazu

 

Allgemeine Zugänglichkeit

 

Gemeinschaftlicher Besitz der Kulturgüter

 

Und gemeinschaftliche Finanzierung, das heißt, aus Steuermitteln

 

Das ist die Grundlage des Verständnisses vom Museum als einer Instanz, die das gesellschaftliche Ziel, den Auftrag des Wohlfahrtstaates, das maximale Glück einer maximalen Zahl zu erreichen, verwirklicht.

 

Für unsere Frage nach dem Museum der sozialen Demokratie ist die rechtliche Regelung interessant, auf die am Beginn der Museumsentwicklung, diese Struktur ruht. In der Verfassung von 1793 heißt es im Artikel 22: „Der Unterricht ist für alle ein Bedürfnis. Die Gesellschaft soll mit aller Macht die Fortschritte der öffentlichen Aufklärung fördern und den Unterricht allen Bürgern zugänglich machen.“

Im unmittelbar vorangehenden Artikel 21 findet sich das: „Die öffentliche Unterstützung ist eine heilige Schuld. Die Gesellschaft schuldet ihren unglücklichen Mitbürgern den Unterhalt, indem sie ihnen entweder Arbeit verschafft oder denen, die außerstande sind, zu arbeiten, die Mittel für ihr Dasein sichert.“  

 

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Dieses Museumsmodell ist ein Ort liberaler, bürgerlicher Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit hatte das Aushandeln von Konflikten unter Gleichen und damit die Harmonisierung von Konflikten zum Ziel. Tendenz zur Harmonisierung ist aber auch eine Eigenschaft des Museums. Seine Erzählweisen und Darstellungsmethoden neigten lange Zeit dazu, uns Unschuldskomödien vorzuspielen, alles in eine Geschichte der fortschreitenden Zivilisierung zu verwandeln unter Aussparung der traumatisierenden und gewaltförmigen Aspekte.

 

Dieses Modell scheint erschöpft. Und das Museum hat sich auch gewandelt, die Triumpherzählungen werden seltener, die Einbeziehung von Schuld und Trauma selbstverständlicher. Und inzwischen fordern immer mehr Gruppen ihren Einschluß in die musealen Erzählungen und das macht Museen diverser. Die aktuelle Debatte um den Umgang mit kolonialem Erbe zeigt indes, wie schwer die Umstellung fällt, welcher Widerstand sichtbar wird.

 

Museen müssen fähig gemacht werden, Konflikte anzusprechen und auszutragen, Interessen, Ideologien, Machtverhältnisse offenzulegen. Vermittlungs- und Diskursformen müssen geeignet sein, dem Rechnung zu tragen. Eine sehr schwierige Anforderung angesichts der wachsenden Polarisierungen und der Zerfallserscheinungen bürgerlicher Öffentlichkeit unter dem vieldiskutierten Druck der sogenannten sozialen Medien.

 

Zuallererst muss sich aber das Museum selbstreflexiv seiner Mechanismen des Erzählens und Bedeutens vergewissern – und seiner problematischen Sublimierungsleistung. Ein grundlegender Wandel müsste sich auch auf organisatorischer Ebene vollziehen, die Arbeitsaufgaben und Rollenverständnisse würden sich drastisch ändern, KuratorInnen wären dann nicht im Wortsinn „Sorgenträger“ ums Objekt, sondern Moderatoren politischer Auseinandersetzungen.

 

Es ist ja nicht so, dass die Museen bislang nicht schon Grundfragen unserer Zivilisation repräsentiert hätten, die wachsender Naturbeherrschung und Naturzerstörung, die Naturbeherrschung am Menschen, die Eroberung und Vernichtung fremder und vergangener Kulturen, die Gewaltförmigkeit in der Geschlechterbeziehung und anderes mehr.

 

Aber das Museum kann angesichts der Klima- und Coronakrise, der Bedrohung der Demokratie, der wachsenden Ungleichheiten, der grassierenden Zukunftslosigkeit der Politik nicht an der bloßen Ästhetisierung und Sublimierung der Probleme und Konflikte festhalten. Es kann sich auch nicht als neutraler Beobachter verstehen, der selbst aus den Konflikten ausgenommen ist. Gerade die Coronakrise zeigt ja, daß das Museum nicht einfach nur sammlungspolitisch reagieren kann wie ein Sammler, der Indizien zusammenträgt. Denn es ist ja selbst vielfach betroffen, finanziell, hinsichtlich seiner Besucher und hinsichtlich seiner Legitimation angesichts der Zweifel an seiner „Systemrelevanz“.

 

Das Museum muß sich als politischer Akteur verstehen, der sich den genannten und von mir nur fragmentarisch aufgezählten Problemen annimmt. Sonst verfehlt es seine Aufgabe, nervöses Auffangsorgan (Aby Warburg) zu sein. Als solches muss das Museum Ort agonaler, also konfliktfähiger, streitbarer Öffentlichkeit sein.

 

Agonistische Öffentlichkeit (Chantal Mouffe) deklariert die Interessen, benennt die Probleme, macht sie kenntlich und lässt sie aufeinandertreffen. Agonale Öffentlichkeit ist vielfältig und vielgestaltig. Konflikte zu bearbeiten geht nur im Medium des Konflikts selbst, weil nur so Differenzen, Standpunkte und Interessen sichtbar gemacht und bearbeitet werden können. Das Museum wäre dann ein Ort der streitbaren und pluralen Gegenöffentlichkeiten, wo herkömmliche Werte und Normen infrage gestellt und auch angegriffen werden könnten. Das Museum müsste sich vom affirmativen hegemonialen zum Raum der Unruhe und des Dissens wandeln. Um dieser Vorstellung etwas die Schwere der sozialpolitischen Bürde zu nehmen, die man dem Museum auflastet, greife ich zwei Worte auf, die kürzlich die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz gebaucht hat: Kritikübungsräume. Solidaritätsversicherungsversuche.

 

Der Zweck demokratischer Institutionen“ besteht, schreibt der australische Aktivist Simon Sheik „nicht in der Herstellung eines rationalen Konsenses in der Öffentlichkeit, sondern in der Entschärfung des Potenzials für Feindseligkeiten, das in menschlichen Gesellschaften existiert, indem die Transformation von Antagonismus in 'Agonismus' ermöglicht wird."

 

Erst wenn Museen sich selbstreflexiv zu verhalten lernen, wenn sie sich gegenüber der Öffentlichkeit öffnen, wenn sie sich reorganisieren kann das Museum zu dem Ort werden, als der er von Anfang an gedacht war: einer der Selbstauslegung, einer der Aufklärung der Gesellschaft über sich.

 

(*) Im Beitrag von Sabine Kritter, Imaginationskrise der Arbeit und die Kulturalisierung der Gegenwart im Museum, fand dieser Befund insofern eine Ergänzung und Vertiefung als dort von einer Kulturalisierung der Darstellung der Arbeit gesprochen wurde, die aber im gegenwärtigen Ausstellen kaum noch vorkomme. Es gibt eine Krise des Vorstellungsvermögens von Arbeit, viele Tätigkeiten würden entweder gar nicht als Arbeit angesehen oder es sei zweifelhaft, ob es sich um Arbeit handle.

 

 

März 2021

 

 

Freitag, 11. Dezember 2020

Was kann das Haus der Geschichte Österreich (nicht)? (Sokratische Frage 59)

Sind Theater mit einer besseren Handlungsmacht ausgestattet, als Museen? Ist das Theater politischer als das Museum?

Thomas Bernhards Theaterstück "Heldenplatz" hat zu einer heftigen, lange andauernden Kontroverse geführt in der viele Fragen zur österreichischen Zeitgeschichte debattiert wurden und die Geschichtskultur des Landes aufwühlte.

Heute befindet sich an dem im Stück genannten Platz das "nationale" Geschichtsmuseum, das keine Kraft hat, derartige Debatten loszutreten. Das vielleicht auch gar nicht den Mut hat, sich aus den ihm auferlegten strukturellen Fesseln zu befreien.

Liegt das nun daran, dass ein Museum (grundsätzlich, auf Grund seiner institutionellen Vefasstheit) nicht die Möglichkeiten hat, die ein Theater hat? oder liegt das daran, dass die Akteure selbst die Chancen nicht nutzende ein Museum hat.

Samstag, 29. August 2020

Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen

  

Museum of American History. Historische Dauerausstellung. Eingangsbereich. Der Text lautet: 

More than just waging a war of independence, American revolutionaries took a great leap of faith and established a new government based on the sovereignty of the people. It was truly a radical idea that entrusted the power of the nation not in a monarchy but in its citizens. Each generation since continues to question how to form „amore perfect union“ around this radical ideas.


 

Gottfried Fliedl

 

Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen

 

1

Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in New York am 25. Mai 2020 löste Demonstrationen nicht nur in New York und den USA sondern weltweit aus. Zweifellos war der Totschlag durch einen Polizisten rassistisch motiviert. Aber viele Kommentatoren wiesen auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin: auf einen Widerspruch, der seit der Deklaration der Unabhängigkeitserklärung und der Verabschiedung der Verfassung von 1776 als eine Art von Geburtsfehler der Vereinigten Staaten die Geschichte der Nation begleitet. Die dort niedergelegten universalen Rechte wurden von Anbeginn an grossen gesellschaftlichen Gruppen verweigert. Frauen, der indigenen Bevölkerung und den Black Americans.

Das große Versprechen auf Gleichheit - hier zitiert in der ältesten deutschen Übersetzung -, ist bis heute uneingelöst: „Wir halten diese Wahrheit für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“[1]

 

Anlässlich von Ereignissen wie der Tötung von George Floyd bricht dieser Grundwiderspruch immer wieder auf, aber nicht nur als einzelner Vorfall, sondern als Aufbrechen eines Problems, das die Gesellschaft als Ganzes geprägt hat. Indizien dafür sind die fortgesetzten und umfassenden Diskriminierungen, die etwa das Sozialsystem, das Gesundheitswesen, den Zugang zu Ämtern und Positionen betrifft, generell die Gefährdung durch Armut, Arbeitslosigkeit u.v.a.m. Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat die USA als „eine in Widersprüchen geborene Nation“ charakterisiert.[2]

 

Als ich 2019 Gelegenheit hatte, einige der exquisitesten Geschichtsmuseen in New York und Washington zu besuchen, war ich überrascht, daß dieser Widerspruch dort das zentrale Thema ist und in allen diesen Museen offen benannt, ausführlich erläutert, kritisch beleuchtet wird und den Angelpunkt der Erzählungen und Deutungen bildet.

 

Kaum hat man beispielsweise die Kernausstellung des National Museum of American History in Washington betreten, wird dieser Widerspruch im Kontext des nation building knapp, klar und unmissverständlich thematisiert. Wer war ausgeschlossen? Wer hatte das Wahlrecht? Wer zählte überhaupt als Grundlage des Wahlverfahrens zur Bevölkerung und wer nicht? Who are the counted?  - allesamt Fragen, die von der Feststellung begleitet werden: And America has never stopped debating… Es wird sofort klar, daß das Problem nicht als historisches im Sinn eines abgeschlossenen, überwundenen Ereignisses vorgestellt wird, sondern als eines, das der permanenten Diskussion bedarf, also auch im Museum.

 

Wer sind überhaupt jene, die sich in der Unabhängigkeitserklärung - dort mit den kalligraphisch vom übrigen Text abgehoben ersten Wörtern - als We the people? zum politischen Subjekt machen? Was bedeutet Citizenship eigentlich und worin bestehen die Rechte und Pflichten als amerikanischer Bürger? Wer ist überhaupt Amerikaner? Wie wird man das? Und was bedeutet es, Amerikaner zu sein - in rechtlicher aber vor allem in sozialer und politischer Hinsicht? Wer ist truely american (das waren am Anfang nahezu nur white persons) und was bedeutet das heute?

Die Frage nach dem together zieht die Frage nach den unterschiedlichen Formen von Integration nach sich. 


How did we become us? Die Frage nach der kollektiven Identität durchzieht mit vielen Fragen die gesamte Dauerausstellung des Museum of American History


Zum Beispiel: In einer Vitrine der Dauerausstellung des National Museum of American History steht eine Miniaturausgabe der Freiheitsstatue. Vor ihr sind einige Objekte mit Texterläuterungen platziert, die die Formen der Integration im Kontrast zum durch die Statue verbürgten Freiheitsversprechen visualisieren. Einige waren immer schon hier (die indigene Bevölkerung), einige wurden gezwungen (Sklaven), einige kamen freiwillig (die Kolonisatoren), einige blieben einfach. Fragen und Antworten soll man selber finden. Mit dieser anspruchsvollen Aufforderung: Discover How Diverse People Built A Nation Together.

 

Selbstverständlich sind das Fragen, die nicht bloß die USA bewegen. Es sind Fragen die etwa auch in Europa zum Repertoire der umkämpften politischen Fragen gehören, brennende Frage, die die Immigration aufwirft aber auch die Bedrohung von Nationalstaaten durch regionale Autonomiebestrebungen (Katalonien, Schottland). Im neugegründeten Australischen Nationalmuseum gehörte der Satz What does it mean to be an Australien? zum Mission Statement. Der große Unterschied ist, daß die USA ein unbestrittenes Fundament ihrer staatlichen Identität haben- die erwähnten Gründungstexte, die die Norm aber auch die Herausforderung für alle offenen Fragen bilden. Was die US-Geschichtsmuseen, die ich besuchen konnte, betreiben, ist Dingpolitik ganz im Sinne Bruno Latours.[3] Die res publica,die Sache, die alle angeht, sind strittige Angelegen­heiten, um derentwillen und um die herum man sich versammelt. Aber eben nicht nur in einer museal befriedeten Weise, sondern indem das Museum selbst zum Ort des Streits, des Dissenses werden darf, mindestens zu einem, an dem die Grundlage des Gemeinsamen als Entzweiung anerkannt wird. Identität ist nicht einfach zu haben, sie entwickelt sich als ein Prozess, in dem anerkannt werden muß, daß er es immer mit Spaltungen zu tun hat. Das macht ja Demokratie so schwierig, daß in ihr kein fester Ort auszumachen ist, keine res publica, die wie eine Sache auf Dauer unverändert im Zentrum stehen kann, keine Person, die auf Dauer das Gemeinsame repräsentieren darf.

 

Allen hier erwähnten Museen ist die Erinnerung an die Verfassung und an die Unabhängigkeitserklärung gemeinsam, und das in aller Ambivalenz: es ist ebenso die Erinnerung an die Geburtsstunde der Nation, aber mehr noch daran, daß die Demokratie, die noch vor dem Staat USA da war, unvollendet ist. In den Museen gibt es immer beides: die Erinnerung an die demokratische Grundlage des Staates und die Erinnerung an das zwiespältige Erbe, das die Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.  Dabei wird immer wieder nachdrücklich klar gemacht, daß es sich nicht um historische Fragen im Sinne einer abgeschlossenen Vergangenheit handelt, sondern um Fragen, die unter sich permanent verändernden Bedingungen - etwa den demografischen Verschiebungen[4] -, immer neu gestellt werden müssen.

 

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Die Dekonstruktion der US-Geschichte beginnt schon, ehe man die Dauerausstellungen des National Museum of American History betreten hat, und das ausgerechnet bei der herausragendsten Persönlichkeit: Da sitzt er, George Washington, überlebensgroß, gipsern-weiß, als ein antiker Heros und weist mit dem Finger zum Himmel, der aber nicht mehr von Göttern bewohnt sondern vom Licht der Aufklärung - hier in Gestalt sehr profaner Neonleuchten - erhellt wird. Das Pathos der Skulptur wird mit einer Reihe von Texten vom idealischen Sockel geholt: Im Museum ist er nicht mehr nationaler Heros, sondern ein „fallible man rather than the marble hero“ und die Erläuterung der Geschichte des Denkmals entzaubert zusätzlich den gewaltigen Gestus von Werk und Person, etwa indem man ihm einen anderen, modernen hero entgegenstellt: Nicht mehr und nicht weniger als Martin Luther King!


Vor dem Eingang zur Dauerausstellung: Ein heroisch-antikisierender George Washington - den die erläuternden Texte vom Sockel holen. 

1832 wurde das Monument in Auftrag gegeben, 1840 fertiggestellt und zunächst in der Rotunde des Kapitols aufgestellt. Kurz nach 1900 kam es in den Besitz des Smithsonian Institute. Man darf annehmen, daß die eher ungewöhnliche Ikonografie nicht mehr passend für die Repräsentation von Demokratie erschien. Da hält in der Dekoration des Stuhls, auf dem Washington sitzt, Herkules für das amerikanische Volk her und Columbus trifft als „Neue Welt“ personifiziert einige „Indianer“ und der Lichtgott Apollo personifiziert die Aufklärung. 


Später in der Ausstellung begegnen wir noch einmal Washington, und zwar der Geschichte seiner Rezeption, den Bemühungen, seinen Ruf aufrecht zu erhalten und immer wieder neu zu definieren. Aber auch das ist Arbeit am Mythos. Denn was da in Literatur, Biografik und schulischer Pädagogik aufgewendet wurde, um den Ruf des unbefleckten Heros zu zementieren, macht die Konstruktion eines Bildes transparent, dem das Museum ganz und gar nicht mehr folgen will.

 

Doch allen Zweifeln wie zum Trotz lesen wir hinter dem Washington-Monument die in riesigen Lettern verkündeten Zeilen: „The nation we build togehther“.

 

Ein anderer nationaler Heros, der vergleichbar monumental in einem anderen Museum präsent ist, wurde zu der Zeit meiner Museumsbesuche ebenfalls zum Objekt der kritischen Infragestellung – Theodore Roosevelt (1858-1919), der vor dem Haupteingang des National Museum of Natural History in New York sitzt.

 

American Museum of Natural History. "Knowledge", "The ultimate predator" und Roosevelt. Dieses Miteinander verschiedener Konzepte von Bildung und (Re)Präsentation wird bald ihren historischen Heros verlieren.

Die derzeit am Sockel der Figurengruppe angebrachte relativierende Kommentierung. - "You can learn more" ist ein in Museen ständig präsenter Imperativ.

Daß er seit 1940 hoch zu Ross sitzend von einem „Neger“ und einem „Indianer“, beide zu Fuß und halbnackt, begleitet wird, nimmt das Museum und vermutlich auch dessen Community und die Öffentlichkeit inzwischen nicht mehr so ohne weiteres hin. Auch hier bieten Texte wie bei Washingtons Monument Relativierung an: The „...statue itself communicates a racial hierarchy that the Museum and members of the public have long found disturbing.“ Wiewohl man zuletzt noch die Bewertung dem Betrachter zuschob und neutralisierte: „Today some see the statue as a heroic group; others, as a symbol of racial hierarchy.“  Diese Neutralität wird inzwischen nicht mehr aufrechterhalten. Inzwischen ist auf Grund der am Beginn dieses Textes erwähnten rassistischen Vorfällen und den daraus erneuerten Aktivitäten der Black Lives Matter[5] im Museum der Entschluss gefallen, das Denkmal zu entfernen. Jedenfalls hat das Museum das beantragt. 

 

Das ist mehrfach bemerkenswert, denn Roosevelts Vater war Mitgründer des Museums und Theodore war ein Pionier der Naturschutzbewegung und großer Förderer des Museums, dem die gewaltige Eingangshalle mit ihn rühmenden Fresken gewidmet ist. Die an den Wänden applizierten politisch-programmatischen Parolen stammenden von ihm. Eine weitere Halle im Untergeschoß dokumentiert seine früh einsetzende Naturforschung und seine Initiativen zum Naturschutz.

In einer eigenen Ausstellung Adressing the Statue und der zugehörigen Webseite[6] war schon zuvor vom Museum eine Debatte eröffnet worden, die alle nur wünschenswerten Information zur Geschichte und Kunstgeschichte der Statue bot. Dort findet man kontroverse Statements aus dem Haus und von Wissenschaftern sowie Denkmalpflegern aus verschiedensten Disziplinen und vor allem auch aus der Community. Das ergab ein sehr dichtes Netzwerk von Diskurs und Information. Umfassende, differenzierte und oft erstaunlich tiefreichende Information gehört zum Standard der großen US-Museen. Dort und über Newsletter beteiligen sie sich auch an aktuellen politischen Debatten. Das Smithsonian benötigte kaum drei Tage, um zusammen mit dem Verweis auf vertiefende Information in seinen Museen und Sammlungen, auf die Ermordung von George Floyd zu reagieren und Rassismus in den USA zu thematisieren und klar zu verurteilen. Eingeleitet wurde das mit einem unmißverständlichen und klaren Statement des Sekretärs, wie hier der Direktor genannt wird, des Instituts.

 

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Die spektakulärste Visualisierung des „Geburtsfehlers der Nation“ findet sich im National Museum oft African American History and Culture in Washington (2016 eröffnet). Zum historischen Teil des Museums muß man mit einem Lift mehrere Stockwerke tief unter die Erde fahren und steht dann unvermittelt vor einem vielfigurigen, großen denkmalhaften Environment, das namentlich bekannten Sklaven gewidmet ist, die lebensgroß und in realistischer Ästhetik dargestellt werden. Die Würdigung bislang „geschichtsloser“ Menschen in einer sonst bedeutenden und singulären Persönlichkeiten vorbehaltenen Pathosform, geht einher mit der Kritik an dem unter ihnen stehenden, neben Washington zweiten bedeutenden Founding Fahther, Thomas Jefferson. Hinterlegt ist das Ensemble mit einem Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung, die die Überschrift trägt The Founding of America. Aber am Sockel des Denkmals lesen wir - wie ein Echo auf diese Überschrift - The Paradox of Liberty. 

 

Der Auftakt zur historischen Ausstellung des National Museum of African American

Zwischen den Figuren sind Ziegel zu halbhohen Mauern aufgestapelt, die die Namen der hunderte von Sklaven tragen, die Jefferson besaß. Viele der Gründerväter der Vereinigten Staaten hatten Sklaven, George Washington, zusammen mit seiner Frau etwa dreihundert. Dennoch waren sie es, die die Sätze zur Gleichheit aller Bürger formulierten und als Grundgesetze der jungen Nation deklarierten.

Die Text-Erläuterung zur Jefferson-Statue kommt sofort auf den Grundwiderspruch zu sprechen: „Thomas Jefferson helped to create a new nation based on individual freedom and self-government. Yet over the course of the life, Jefferson himself owned 609 slaves. Their labor and service provided him personal liberty and wealth. Like Jefferson, 12 of the first 18 American presidents owned slaves. The declaration (of independence GF) did not extend „Life, Liberty, ant the pursuit of Happiness“ to all Americans, undermining the ideal that „all men are created equal“.

 

Eine "echte" Sklavenhütte, eine "Denkmal"-Figur einer Sklavin

Von diesem buchstäblich fundamentalen Auftakt in den unterirdischen Geschossen geht man auf einer durch mehrere Geschosse reichenden Rampe in Richtung Gegenwart, aber diese Aufwärtsbewegung lässt sich nicht als Fortschritts- oder gar Erlösungsbewegung deuten. Man flaniert an einer dichten Erzählung staatlichen Versagens, großer Verbrechen, der Unterwerfung und Ausgrenzung, der Diskriminierung aber auch der Anpassung, des Widerstands und des Kampfes um Anerkennung vorbei - bis zur Bürgerrechtsbewegung und den auf die Strasse getragenen Konflikten in jüngster Zeit. 

 

Der oberirdische Teil des Museums informiert umfassend über die afroamerikanische Kultur, bildende Kunst, Film, Tanz, Fernsehen, Theater, Sport - vor allem aber Musik. An unzähligen Stationen begegnet man in dieser riesigen Abteilung allen nur denkbaren musikalischen Ausdrucksformen und vielen berühmten Persönlichkeiten. Ich habe noch nie eine Ausstellung ein Publikum in so aufgeräumter Stimmung erlebt wie in der riesigen Abteilung des Universums „schwarzer Musik“. 



Hier ist ein eigener Abschnitt der Rolle der Black people in der Armee des 2.Weltkrieges gewidmet, einer der am wenigsten überzeugenden Ausstellungen des Museums. Es dominiert eine Militärtisch-Patriotische Sicht, die Hervorkehren heldenmütigen Verhaltens. Die Botschaft ist die, daß die Teilhabe am Zweiten Weltkrieg ein doppeltes Versprechen der Verwirklichung der Demokratie war. Eines „abroad“ im Kampf gegen den Faschismus und der Wiederherstellung eines freien Europa und eines „at home“ als Herstellung der Gleichberechtigung.





In der die Eröffnung des Museums begleitenden medialen Rezeption und in den Äusserungen zum mission statement des Hauses dominierte die Museumsgründung als Akt der Anerkennung der black people und sie wurde auch von den so Adressierten genau so gesehen. Es überwog breiteste Zustimmung. Das Museum hatte von Anfang etwa doppelt so viele Besucher, wie der Planung zugrundegelegt wurde.


Der Bau des National Museum of American African, Architekt: David Adjaye



Anerkennung wird nicht nur in der Ausstellung vermittelt, sie wird auch durch die Architektur und symbolische Situierung im Stadtraum bewirkt. Der monumentale Bau ist Teil der langen doppelten Reihe staatlicher Museen beidseits der Mall - ein Hybrid aus Straße und Park, der an einem Ende vom Kapitol und an der andren Seite vom Lincoln-Memorial begrenzt wird. Der Blick aus dem Museum fällt auf den „Nabel“ der gewaltigen Anlage, auf das nahegelegene Washington-Monument. Zusammen mit vielen weiteren Denkmälern, das berühmteste ist das Vietnam Veterans Memorial, bilden die Museen der 1846 gegründeten Smithsonian Institution[7] den zentralen lieu de mémoire der amerikanischen Nation. Sie sind integraler Teil der politischen Repräsentation und des nationalen Gedächtnisses. Hier sind wir im symbolischen und politischen Zentrum der Nation. Die Mall ist zudem ein öffentlicher Raum sui generis, Ort von Versammlungen, der staatlichen Repräsentation, von Aufmärschen und Demonstrationen.[8]

Die Mail bildet das Rückgrat der Planstadt Washington, die mit der Errichtung der Nation als Hauptstadt geplant und entwickelt wird. Stadtplan, Mail und Bauten wie das Kapitol bilden die Geburt der Nation gewissermaßen in Stein ab. Daß hier Museen der „ausgeschlossenen“ Gruppen angesiedelt sind, sozusagen im politischen Herzen der Nation, gibt der musealen Repräsentanz selbstredend ein besonders Gewicht. Für diese Gruppen existierten anderswo in den USA bereits Museen und Ausstellungen, aber erst als Nationalmuseen an der Mall in Washington erhalten sie ihr ganzes Gewicht.


Inzwischen scheint auch ein Museum of Latino American History eine beschlossene Sache zu sein, seit das 1994 initiierte Projekt im Senat beschlossen wurde.[9] Einige Monate zuvor war ein weiteres Museum beschlossen worden, ein Woman’s History Museum,[10] das ausdrücklich als Neubau, möglichst nahe an der Mall realisiert werden soll. Damit wären alle Gruppen, deren verfassungsmäßigen Rechte als nicht voll abgegolten angesehen werden, an der Mall repräsentiert. 

 

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Die symbolische Verdichtung von Architektur, Stadtplan und politisch-kultureller Botschaft gilt auch für das Museum, das der zweiten großen immer noch entgegen des Verfassungsversprechens diskriminierten Gruppe gewidmet ist, der indigenen Bevölkerung. Das National Museum oft the American Indian (2004 eröffnet) ist das der First Nations. Ein mehrgeschossiger Monumentalbau, enthält schon in der Gestaltung des Außenraums eine Botschaft, nämlich daß wir hier mit einer naturnahen Kultur konfrontiert werden. Die „Landschaft“ um das Museum aus Bepflanzung, einzelnen skulpturalen Objekten und Wasserläufen signalisieren ein auf den ersten Blick ahistorisches Verständnis der indigenen Kultur. 

 


Das National Museum of the American Indian wurde von Indianische Planern errichtet, wie die Architekten Douglas Cardinal von den kanadischen Blackfoot und Johnpaul Jones von den Cherokee.


Im Inneren empfängt uns eine gewaltige Rotunde mit Galerien und einer mächtigen, gestuften Kuppel unter der die Objekte und textliche Leitmotive den Eindruck einer sehr alten und naturverbundenen Kultur verstärken. Wir werden zuallererst mit dem Reichtum an z.T. zeitgenössichen Artefakten konfrontiert, die als Ausdrucks- und Überlebensfähigkeit der indianischen Kultur präsentiert werden. Der Besucher wird aus der Perspektive eines indianischen Wir angesprochen - das Museum spricht nicht über indigene Stämme sondern diese sprechen direkt zu uns. Kurz zuvor hatte ich im Naturhistorischen Museum die einschlägige Abteilung gesehen, wo die „Indianer“ mithilfe akkurater Modelle noch wie Spielzeug als Miniaturvolk in Vitrinen präsentiert werden -. in unmittelbarer Nachbarschaft zur Abteilung die die Evolution des Menschen aus dem Affenreich erzählt. 

 

Sofort nach dem Eingangsbereich findet man sich im Erdgeschoss der Rotunde im Beginn des Ausstellungsrundganges

Im Washingtoner Museum treten uns die indigenen Stämme dagegen selbst mit großem Selbstbewußtsein entgegen. Unter der Überschrift Nation to Nation wird etwa über die lange Kette der Verhandlungen berichtet, in der sich die Nation USA und die indianischen Nationen gegenübersaßen. So als ob „Nation“ in beiden Fällen dasselbe meinte aber auch so als ob es eine (indigene) Nation, eben die die Native Nations innerhalb des Staates USA gäbe. Vielleicht  beruht dieses Selbstbewußtsein auf der mehrtausendjährige Existenz indianischer Stämme auf dem Kontinent, das auch durch die Kolonisierung nicht erschüttert werden konnte und das im „Fisrst“ vor „Nations“ ostentativ ausgedrückt wird.

 


Auch hier gibt es eine große Abteilung, die die Geschichte der Eroberung, der Vertreibung, der Vernichtung und der erzwungenen Assimilation erzählt. Die Politik der 1940er bis 1960er Jahre wurde tatsächlich unter dem Begriff der Termination betrieben und sollte das „Indianerproblem“ ein für alle mal lösen. Wieder überrascht, wie detailliert und ohne jede beschönigende Relativierung im Museum darüber berichtet wird. Hier habe ich z.B. zum ersten Mal von trails of tears gehört, zu denen Stämme gezwungen wurden und die nicht auf deren bloße Vertreibung aus ihnen zugesagten Reservaten abzielten, sondern auf Vernichtung. Die Märsche unterschieden sich von dem, was man aus der NS-Zeit unter dem Namen „Todesmärsche“ kennt, in nahezu nichts.



Eine Eigentümlichkeit, die ich nur in diesem Museum gesehen habe, ist der Versuch kontrastierende Standpunkte gegenüberzustellen, in Form von Texten aber, nur vereinzelt auch in Form von Bilder.

 

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Becoming american, als Frage auch der persönlichen Haltung und geforderten Identifikation mit dem Staat, ist dort das Schlüsselthema, wo Einbürgerung viele Jahrzehnte lang stattfand. Ellis Island, eine kleine, Manhattan vorgelagerte Insel, war zwischen 1892 und 1954 der Ort der kontrollierten Einwanderung, den etwa 12 Millionen Einwanderer bis zur Schließung der Station passieren mussten. Nach Auflassung dieses Tors zum „gelobten Land“ wurden die Gebäude 1990 zu einem Museum umgewandelt. Hier wird nicht nur der gesamte Prozess der Kontrolle und Verwaltung der Einwanderer beschrieben. Da hier ja auch über das Recht Staatsbürger zu werden entschieden wurde, wird die gesamte Geschichte der Immigration weit über das 20. Jahrhundert hinaus thematisiert - überraschend bereits mit Christoph Columbus beginnend. 



Frage und Antwort. Hier wird unter anderem das zivile Ritual der Einbürgerung gezeigt, das im Kern auf einem Eid auf die Verfassung und der feierlichen Loslösung vom Herkunftsland besteht.

Das bedeutet, daß Immigration als Kolonialisierung aufgefasst und erzählt wird, und das gilt auch für die Binnenimmigration, das heißt die Geschichte der Besiedlung des riesigen Landes, für das man ja Einwanderer massenhaft benötigte - nur etwa 2% der vor New York ankommenden Passagiere wurden während der Zeit der Masseneinwanderung zurückgewiesen. An detailreicher und unmissverständlichen Kritik an den katastrophischen Begleiterscheinungen, namentlich der Vertreibung und Vernichtung der indianischen Stämme, fehlt es hier nicht. Wir lernen, daß die Existenz der USA auf einer gigantischen gewaltförmigen Landnahme beruht, die die alte Bevölkerung nahezu auslöschte.


Auch dieses Museum, das sich fast ausschließlich auf Texte, Fotos, Environments und Toninstallationen stützt und so gut wie keine authentischen Musealien zeigt, schreibt also eine Geschichte von Ein- und Ausgrenzung, von Vertreibung und Verfolgung. Die Geschichte der Integration von Millionen die bis etwa 1929 ohne Einschränkungen ermöglicht wurde, wird dagegen nicht als Erfolgsbilanz dagegen aufgerechnet, sondern nüchtern und faktenbasiert dargestellt. 

 



Das Museum kommt nahezu ohne Objekte aus. Im Untergeschoß dominieren Environments aus Requisiten, Texte und Toninstallationen. in den oberen Geschossen Fotografien, die den gesamten komplizierten Prozess der Überprüfung der Einwanderer schildern aber auch die folgende, überwiegend zivilgesellschaftliche Obsorge für Quartier und Arbeit.[11]

 

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Allen hier erwähnten Museen ist also die Erinnerung an den „Geburtsfehler“ gemein, an den Zwiespalt von Verfassungsversprechen und Realpolitik. Verfassung und Unabhängigkeitserklärung sind allgegenwärtig, ihr Geist indes in den Museen immer in aller Ambivalenz: diese Texte bezeugen die Geburtsstunde von Demokratie, aber auch den Zwiespalt in einem Erbe, das bis heute Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.



Es schien mir naheliegend, den Ort aufzusuchen, an dem der „heilige Gral“ der Nation verwahrt wird, die - in Sichtweite der großen Museen gelegenen - National Archives.[12] Dort, in der neoklassizistischen, fast sakralen „Rotunda“, gibt es keine Relativierung oder Kritik, hier huldigt man der säkularen Religion „Demokratie“ vor den originalen, unikalen und handschriftlichen Texten. Unabhängigkeitserklärung, Verfassung und Bill of Rights liegen - technisch enorm aufwändig geschützt und gesichert - vor einem altarähnlichen Aufbau, an der lange, bis auf die Straße reichende Reihen von Besuchern, vorbeiziehen. Diese Texte sind das unbestrittene Fundament der amerikanischen Demokratie und die öffentliche Präsentation der Originale einzigartig. Einigermaßen Vergleichbares kenne ich nur aus Israel, dem Shrine of the Book, das mit den ausgestellten Qumran-Rollen die archäologische Fundierung der israelischen Staatsideologie stützt und dem schweizerischen Bundesbriefmuseum in Schwyz,[13] wo ein aus dem 13.Jahrhundert stammendes Dokument mit anderen, späteren, ausgestellt wird. Ein Dokument, dessen historische Validität umstritten ist und das erst im späten 19.Jahrhundert und ziemlich willkürlich zum Gründungsdokument der Schweiz gepusht wurde.[14]

 

Die kalligraphisch hervorgehobenen drei ersten Wörter der Unabhängigkeitserklärung enthalten das ganze Pathos und die ganze Radikalität der Selbstermächtigung der Bürgerschaft

Daß diese Gründungstexte-Texte der Vereinigten Staaten für bestimmte Gruppen gelten und ihnen Rechte verschafft, die anderen vorenthalten werden, das macht die latente Krise aus, deren derzeitiges Aufbrechen mit Sorge betrachtet wird. Die Performance des Präsidenten, die Wucht der Corona-Krise in den USA, der schroffe Gegensatz der beiden großen Parteien, die vielberedete Spaltung der Gesellschaft, materiell, ideologisch, das alles und vieles andere mehr summiert sich auf beängstigende Weise. Angesicht dieser Situation ist die Frage naheliegend, welchen Effekt die hier als diskursiv und demokratisch geschilderte museale Geschichtskultur denn in der gesellschaftlich-politischen Praxis hat. Es gibt aber generell kein Maß für die Wirkung von Museen und als touristischer Besucher entzieht sich mir auch die ganze Palette der über Ausstellungen hinausgehenden Bemühungen - Vermittlungsprogramme, digitale Information usw., vollkommen der Kenntnis und Beurteilung. Was sich mir ebenfalls entzieht, ist das Ausmaß des Einflusses Privater, die über Zuwendungen an Museen in Form von Geld oder Sammlungen - die National Gallery in Washington ist ohne die Familie Mellon nicht denkbar -, Einfluß haben. Aber welchen genau? 

 

Über vielen Abteilungen der Museen findet man die Namen der Stifter und Stifterinnen, von Bill Gates abwärts. Doch ob sie überhaupt und in welchem Ausmaß Einfluß nehmen, das läßt sich mit dem bloßen Augenschein eines durchschnittlichen Museumsbesuches, wie ich ihn mir geleistet habe, einfach nicht beurteilen. Man kann so viel sagen, daß Museen sehr empfindlich auf Kritik an ihrer gut versteckten sozialen und materiellen Verfasstheit reagieren. Hans Haackes Recherche zum Immobilienbesitz der Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971, das zur Absage seiner Personale am Guggenheim Museum führte, mag damals großes Aufsehen erregt haben, aber inzwischen ist die Kritik am Einfluß privater Personen und Familien auf die Museen in den USA systemisch geworden. Ausgelöst von der Opioid-Krise die wesentlich von Firmen der Familie Sackler wie Purdue Pharma verursacht wurde, mobilisierten Künstlerinnen wie Nan Goldin in Museen wie dem Metropolitan Museum in New York den Widerstand, der dazu geführt hat, daß an so manchen Institutionen die weit gestreute „mäzenatische“ Tätigkeit der Familie Sackler hinterfragt und eingestellt wurde.

 

Und noch eine Beobachtung gehört hierher: während die durch die Verfassung in die Welt gesetzten Konflikte, namentlich ethnischen, eine so wichtige Rolle spielen - die sozialen tun es nicht. Über Einkommens- und Arbeitsverhältnisse, über Arm und Reich, über Besteuerung und Sozialfürsorge und vieles andere mehr, erfährt man sehr wenig. Die zweite Leerstelle ist ebenso bemerkenswert. Die Außenpolitik kommt kaum vor, die Entwicklung der USA zur interventionistischen Welt- und Wirtschaftsmacht ließ sich in keinem der von mir besuchten Museen bzw. Ausstellungen nachvollziehen.

 

7

Auffallend ist, wie oft das Wort healing vorkommt. Können Museen heilen? Gar eine ganzes Land, wie es im Zusammenhang mit dem 9/11-Museum in New York versprochen wurde? Dieses Museum ist einem grossen Trauma gewidmet, der Verletzung der Integrität der gesamten Nation. 

Der ganze Komplex, das unterirdische, über den Resten der Grundmauern der Zwillingstürme des World Trade Center errichtete Museum, der umgebende Hain, Trabantendenkmäler, die beiden Gedenk-Brunnen, dies alles ist auf die Wiederherstellung der nationalen Integrität gerichtet. Beachtlich ist der Anteil zivilgesellschaftlicher Initiativen, die diesem Ziel diverse Denkmäler rund ums Museum gewidmet haben. Hier findet, über dem zerstörten Fundament des World Trade Center buchstäblich eine Neufundierung statt, in Form eines Hybrids aus Museum, Memorial, Reliquienkammer, Infocenter, Grabstätte und Denkmal.[15] 



Das Museum erstreckt sich in unterirdischen Räumen, die bis auf die Fundamente der beiden zerstörten Gebäude des World Trade Center hinabreichen. Man wird mit der zyklopischen Mauer konfrontiert, die das Fundament vom Hudson River abschottet und man hat die Möglichkeit, das erhaltene Fundament abzuschreiten über denen die gewaltige Kubatur des Zwillingsgebäudes architektonisch angedeutet wird. Die meisten Ausstellungsstücke sind Relikte der Katastrophe, vom Feuerwehrauto bis zum verlorenen Schuh, vom verbogenen Stahlträger der Gebäude bis zum Personalausweis. 


Das gesamte Ensemble spricht von einem Opfer, aus dem sich die Gemeinschaft wieder erheben kann und erhoben hat. Eine Heilung? Die Täter werden inszenatorisch marginalisiert, nur die Tötung Osama bin Ladens wird ausführlich in der Absicht einer musealen Beglaubigung vorgeführt. Hinter das Verdikt eines verabscheungswürdigen und verbrecherischen Terrorismus wird nicht gegangen. Kein weltpolitischer Kontext, keine Erörterung von Motiven.


Hinter dieser Wand befindet sich ein Raum, in dem die nicht identifizierbaren Überreste der beim Einsturz der Türme Getöteten aufbewahrt werden. Die Farbnuancen der Kacheln bilden das Blau des Himmels am Tag des Anschlags ab. Die Inschrift wurde pedantisch philologisch wegen ihres ganz anderen historischen Kontextes kritisiert, sie enthält aber die zentrale Botschaft des Museums (aller Museen?): Niemand wird je aus dem Gattungs- und Nationalgedächtnis gelöscht werden.

 

Eine der zivilgesellschaftlichen Initiativen und zugleich ein kaum überbiegbares Symbol für den Wunsch nach "Healing"

Heilung war auch ein Wort, das anlässlich der Eröffnung des National Museum of African American History and Culture fiel. Es kam z.B. von einer Kuratorin des Museums, aber auch BesucherInnen verknüpften immer wieder die Existenz des Museums mit einer nun erreichten umfassenden Anerkennung der schwarzen Bevölkerung der USA.

 

Der Terminus Heilung widerspricht dem politischen Diskurs, den die hier genannten Museen führen. Heilung zielt auf eine Wiederherstellung eines früher einmal als ganzheitlich vorgestellten Zustandes. Der Diskurs aber ist ein im Grunde unabschließbarer Prozess. Aber ob Heilung oder Diskurs - was erwarten sich die Museen selbst? Alle erwähnten Museen halten eine Dialektik von Versprechen und Verfehlen in Gang. Alle berufen sich auf die Verfassung, führen aber auch deren Widersprüchlichkeit vor, in der Praxis nie restlos verwirklicht zu sein. Es wird eine Kritik vorgetragen, wie ich sie in dieser Schärfe und Konsequenz von keinem europäischen Museum kenne. Doch wie lässt sich das mit der „staatstragenden“ Rolle nationaler Museen vereinbaren? Wie läßt sich die unbestechliche Darstellung von Geschichte mit all ihren Katastrophen und Traumata mit der Vorstellung des „Healing“ verbinden? 

 

Nun so, dass es immer eine Perspektive gibt, die in der Vollendung des Projekts der Nation liegt. Es ist die Idee einer USA, in der der Verfassungspatriotismus beschworen, aber nicht wirklich gelebt wird, aber wo versprochen und angeregt wird, alles dafür zu tun, dass das dereinst der Fall sein wird. 

 

In einem Museumstext zum Widerspruch von Sklaverei und Verankerung von Freiheitsrechten in der Verfassung heißt es: „The paradox of the American Revolution - the fight for liberty in an era of widespread slavery- is embedded in the foundation of the United States. The tension between slavery and freedom - who belongs and who is excluded - resonates through the nation s history and spurs the American people to wrestle constantly with building „a more perfect Union“. An anderer Stelle wird das als American Experiencebezeichnet, als „…this paradox (is) embedded in national institutions (…) still vital today.“

 

Building a more perfect Union, das ist ein Leitmotiv in den Geschichtsmuseen. Was immer an Opfern gefordert wurde, welche kollektiven Verletzungen stattgefunden haben, letztlich kommt alles einer Perfektibilität des Ganzen zugute. Die Erzählungen der Museen laufen zentralperspetivisch auf die Idee der Vervollkommnung hinaus und damit auf eine künftige Lösung der Probleme. Man darf das nicht als bloß rhetorisch auffassen und die Verschiebung der (Er)Lösungen in eine unbestimmte Zukunft hinein nicht als bloße Ideologie. Die Spannung zwischen dem Versprechen der Unabhängigkeitserklärung und der langen Geschichte der Diskriminierungen wird immer wieder versöhnt durch eine Botschaft der permanenten Wandelbarkeit und mit der Einladung, sich an diesem Wandel aktiv zu beteiligen. 

 

Auch darüber reden und informieren die Museen und bieten der Diskussion selbst Platz. Das geht bis zur ausführlichen Erläuterung des Rechtes auf Widerstands und auf Demonstrationsfreiheit. Während hierzulande etwa angesichts der Coronakrise und rechtsradikaler Demonstrationen dieses Recht als allgemein gültig bestritten und beschnitten wird. Über den Appell hinaus, sich an Wahlen zu beteiligen werden auch die „Abstimmung auf der Straße“, die Demonstration, ausdrücklich als berechtigte und nötige Artikulation des Politischen Willens einbezogen. Die militante Auseinandersetzung wird nicht als Gefährdung der Demokratie eingestuft, sondern als erklärbare Reaktion auf die Defizite der Politik. Eine ganze Abteilung - sie war die einzige, die ich ausgesprochen manipulativ fand, nämlich den Akt der Wahl per se als vollendete und wirkungsvolle politische Beteiligung verklärend, beschäftigte sich mit der Bedeutung der Wahl und der Ausübung des Wahlrechtes, gerade für die Stärkung der Minderheiten.

 

AMERICA CAN BE CHANGED. IT WILL BE CHANGED, lesen wir in riesien Blockbuchstaben über der Biografie der Mary McLeod Bethune, die eine einflussreiche Streiterin für die Rechte der „Negroes“ war, und der Boxlegende Muhammad Ali ist in derselben Plakatschrift die Headline MAKING A WAY OUT OF NO WAY zugeordnet und seine Biografie mit In a Tradition of Activism charakterisiert. Nachdem man einen langen Weg durch die Dauerausstellung des Museum of African American History und Culture gegangen ist und schonungslos mit der Geschichte der Sklaverei, der Rassendiskriminierung, der Bürgerrechtsbewegung konfrontiert war, steht man am Schluß unter einem in gewaltigen Lettern ein personalisiertes Zitat an die Wand geschriebenen: I, TOO, AM AMERICAN. Im National Museum of American History ist der Slogan A Nation We Build Together mehrfach zu finden. Der Slogan enthält einerseits den Appell der Beteiligung aller am Gelingen einer Nationwerdung, womit gleichzeitig das noch Unvollendete dieses nation building eingestanden wird. Selbst Donald Trumps berühmt-berüchtigtes Make America Great Again, ist vom Eingeständnis infiziert, daß Amerika derzeit nicht groß oder nicht groß genug ist.


Der Ausgang aus dem historischen Rundgang des National Museum of African American

 

8

Was die Museen, die ich besucht habe, von europäischen signifikant unterscheidet, ist, daß sie Geschichte nicht als von der Gegenwart getrennte Erzählung über Vergangenes verstehen, nicht als Repräsentation zurückliegender Ereignisse, sondern immer gegenwartsbezogen auf die Vervollkommnung des gesellschaftlichen Ganzen gerichtet sind. Sie sind produktiv, nicht repräsentativ: Es wird ein Diskurs geführt über eine unvollendete politische Agenda. Daher ist das Verhältnis von Erzählung und Museum einerseits und Politik und Gesellschaft andrerseits anders miteinander verwoben als in europäischen Museen. In den Ausstellungen werden Fragen aufgeworfen, die in eine Diskussion münden, die ihrerseits auf ein America in the making zielt. 

 

Museen sollen etwas beitragen zur Vervollkommnung der Demokratie, zur „Heilung“ jener Widersprüche, die in der Gründung der Vereinigten Staaten und in deren Gründungsdokumenten angelegt sind. Es geht nicht nur um allgemeine Information, Wissensvermittlung und eine vage Absicht zur politischen Bildung, sondern letztlich um in Handlungsanweisungen umsetzbare Diskurse. Die Museen situieren sich nicht außerhalb und nachträglich in Relation zu etwas Vergangenem, sie situieren sich in einem zeitlichen und historischen, jedenfalls unabgeschlossenen Kontinuum und verstehen sich als Agentur der gesellschaftlichen Debatte und Willensbildung. 


Was Museen grundsätzlich so fragwürdig macht, ist ihre strukturelle Befriedung. Sie sind "Unschuldskomödien". Die liegt im Wandel des Leitmediums begründet, dem sogenannten authentisch-originalen Ding, den es auf dem Weg vom Gegenstand zum Exponat durchmacht und durch den es "sein eigenes Nichtsein" hinter sich herzieht (Joachim Ritter) und "seine Seele verliert" (wie es unlängst der Kurator Hannes Sulzenbacher anlässlich einer Ausstellungseröffnung formuliert hat). Und es liegt an der Verschleierung jener Prozesse mit denen in Museen Bedeutungen und Erzählungen so generiert werden, sodaß sie als Wahrheitsgeschichten erscheinen und meist auch so affirmiert werden. US-Amerikanische Museen entkommen diesem strukturellen Dilemma nicht (das wäre erst um den Preis der Auflösung dieses europäisch-aufklärerischen Konstrukts „Museum“ zu haben), aber sie gehen einen anderen, offensiveren, politischeren Weg, sich gesellschaftlich zu positionieren.

 

In der Frage Who is an American? steckt nicht nur die nach individueller Eignung sich zu integrieren und aufgenommen zu werden und die Bereitschaft, sich mit einem Staat zu identifizieren. Hier geht es um eine permanente Bestimmung dessen, was die USA sind und was sie sein sollen. Wie diese Fragen formuliert und textlich aufbereitet und visuell kommentiert werden verrät, daß die Adressaten immer schon als Staatsbürger angesprochen und aufgerufen werden, die ermutigt werden, sich als politische Subjekte zu begreifen und zu beteiligen. Das knüpft, ob bewußt oder nicht sei offen gelassen, an das Konzept des Museums der Französischen Revolution an, das als zivilisierendes Ritual (Sabine Offe) als Medium des politischen Umbruchs gedacht war und als Instanz einer durch Diskurs fundierten gesellschaftlichen Verständigung über die res publica. Als solches sind die Gründungen in Paris und den Provinzen 1793ff. einerseits überragend in ihrem Einfluß auf die folgende europäische - und dann rasch globale - Entwicklung. Aber andrerseits so gut wie vergessen was ihren politischen Kern betrifft: Ort agonaler Öffentlichkeit zu sein, in der das Gesellschaftliche erstritten wird und aufs immer Neue erstritten werden muß.

 

Das Museum so wie ich es in den USA kennengelernt habe, ist ein Ort, in dem Konfliktgeschichten nicht bloß erzählt werden sondern als Material für öffentliche Debatten aufbereitet werden, die ihrerseits kontrovers geführt werden müssen. Das was ich gesehen habe, kommt der Idee des „agonalen Museums“ nahe: Der Vorstellung, daß Museen Orte sind, an denen Öffentlichkeit aktiv vom Museum aus gestaltet und kontroverse Diskussionen initiiert werden können und auch sollen, die ihrerseits in die Öffentlichkeit zurückwirken.

 


 

Graz/Luzern im Oktober 2020



[1] We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by the Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Der deutsche und der oringinale englische Wortlaut zit. nach  Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängigkeitserklärung_der_Vereinigten_Staaten

[2] Jill Lepore: Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. New York 2019, dt. München 2020

[3] Bruno Latour: Von der Realpolitik zur Ding­politik oder Wie man Dinge öffentlich macht. Berlin 2005

[4] Diese Verschiebungen sind von größter Bedeutung, weil sie sich auf das Wahlverhalten auswirken und die Tendenz einer schrumpfenden weissen Bevölkerungsanteils große Ängste auslöst.

[5] Black Lives Matter ist eine 2013 entstandene Menschenrechtsbewegung, die sich gegen Gewalt gegen people of color einsetzt.

[7] Der größte Museumskomplex der Welt geht auf die Stiftung seines Vermögens des 1829 verstorbenen Chemikers und Mineralogen und in England lebenden Robert Smithson zurück, der als Auflage die Widmung zugunsten „der Vermehrung und Verbreitung von Wissen“ festlegte. Die Beratungen des Kongresses über die sinnvollste Art der Erfüllung dieses Wunsches dauerte viele Jahre und mündete in die zukunftsweisende Entscheidung, Museen und Forschungsinstitute miteinander zu vereinen. 

Das sogenannte Institution Building, wegen des an europäischen Vorbildern orientierten Stils ach The Castle genannt, der erste Bau der mit den gestifteten Mitteln errichtet wurde, ist das älteste Bauwerk an der Mall.

Heute beherbergt es ein Informationszentrum, eine Ausstellung zur Geschichte der Institution und eine Ausstellung, die, in einer Art Wunderkammer-Präsentation, die einzelnen Museen des Smithsonian vorstellt - und das Grabmal des Stifters (der selbst amerikanischen Boden nie betreten hat), dessen sterbliche Überreste 1904 in die USA überführt wurden.

[8] Die National Mall, wie sie offiziell heißt, gehört als „Prachtstraße“ zur frühesten Phase der Stadtentwicklung der Hauptstadt der USA und wird nach und nach zu der heute fast 5 Kilometer und 500 breiten Anlage, an der sich repräsentative Gebäude ind Institutionen für Politik und Kultur aneinanderreihen.

[9] Im Juli 2020. Webseite der Friends oft he National Museum oft he American Latino: https://americanlatinomuseum.org/victory-hr2420-passed/

[10] https://wamu.org/story/20/02/12/the-next-smithsonian-might-be-a-womens-history-museum/

[11] Die Gestaltung Ausstellungen der hier erörterten Museen ist durchweg konventioenll. Die Orientierung an Diskursen und Fragestellungen bringt es mit sich, daß die Texte eine eminente Rolle übernehmen. Die sind allerdings meist vorzüglich knapp, klar und instruktiv. Das gilt vor allem für die Videoclips des Museums of American History, die einerseits abstrakt, andrerseits unglaublich effizient gestaltet präzise informieren. Bedeutungen werden eher selten über Objekte und Objektarrangements generiert und an eine szenografische Unterstützung von Erzählungen erinnere ich mich so gut wie gar nicht. Was in europäischen Museen schon länger üblich zu werden beginnt, ist, das Dilemma des Ausstellens an der Nahtstelle von Wissenschaft und Kunst angesiedelt zu sein, dadurch zu lösen, daß man Kunst und Künstler direkt einbezieht, habe ich kaum vorgefunden. Mit einer signifikanten Ausnahme. Im Holocaust-Museum unterbrechen mehrere Räume mit abstrakter Kunst hochkarätiger US-Künstler den historischen Parcours. Es sind Räume, die offenbar als kontemplative Unterbrechungen gedacht sind.

Auffallend ist die Neigung zu einer Art Abbildrealismus, der nun wiederum an europäischen Museen so schwer denkbar ist. Monumentale Skulpturen, die eigentlich dem Genre Denkmal zuzuordnen wären (also etwas anderes behaupten, als Figurinen) und daher einem europäischen Museumsbesucher schon deshalb auffallen müssen, gehören zum Repertoire der Ausstellungsgestaltung.

Zum vermeintlich authentischen Objekt hat man eine, wie mir schien, noch ziemlich ungebrochenes Verhältnis. Wenn es eine Sklavenhütte zu zeigen gibt, dann muß es schon eine „echte“ sein und eine Baracke im Holocaust-Museum kommt dann auch „wirklich“ aus einem Konzentrationslager, mag dann die nackte Struktur solcher Bauten, noch dazu im musealen Kontext umgebender Objekte, merkwürdig sprachlos wirken. Im 9/11 Museum genügt dann ein Ziegelstein, um zu beweisen, daß Osama bin Laden an einem bestimmten Ort von einem US-Kommando getötet wurde.

[12] Die Bedeutung dieses Ortes ist mir vor Jahren durch einen Film bewußt geworden, „National Treasure“ (USA 2004. Dt. als Der Schatz der Tempelritter), der in einer in einen Abenteuerfilm verpackten großen Parabel zwei Arten von Schätzen kontrastiert. Ein in historischen Zeiten zusammengetragener, den die Founding Fathers so gut versteckt haben, daß er als verschollen gilt, und der Verfassungstext, auf dessen Rückseite sich eine Karte verbirgt, die den Weg zum Schatz weist. In der Verfolgungsjagd nach dem Schatz entpuppt sich dann der Text, der aus dem national Archive entwendet wird, als doppeldeutig. Der materielle Schatz, der mithilfe der Karte schließlich tatsächlich gefunden wird, wird nachrangig, als eigentlicher Schatz, entpuppen sich Text und Geist der Verfassung, als res publica, als wahrer National Treasure.

Als Nabel des Films kann man jene Szene sehen, in der der historisch versierte Schatzjäger seinem technisch versierten Freund jene Zeilen aus der Unabhängigkeitserklärung vorliest, die von der Rettung der Demokratie angesichts ihrer drohenden Zerstörung spricht: “But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right (this means: the people’s right, the right of everyone. GF), it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.”

Das ist der wahre Schatz der USA, ihre Verfassung. Die zusammengetragenen materiellen Güter können am Ende des Films, so kostbar sie sein mögen, an die Museen der Welt verteilt werden.

Ausführlich dazu: Gottfried Fliedl: A question raised by the French Revolution answered by Hollywood: Does Democracy need museums?. In: Blog Musologien; https://museologien.blogspot.com/2013/02/a-question-raised-by-french-revolution.html

[13] Das Museum wird als Akt geistiger Landesverteidigung angesichts der drohenden politischen Entwicklung vor allem in Deutschland 1936 gegründet. 

[14] Das Gemeinsame der drei Museen sehe ich darin, daß es sich bei diesen common objects um Texte, um Schrift (nicht um dreidimensionale Dinge) handelt, daß man gewissermaßen das Ding, das sammeltlesen können soll. Sie alle sind so etwas wie nationale Bundesladen (Beat Wyss).

[15] Ausführlich zu diesem Museum: Gottfried Fliedl: Die USA haben ein Nationalmuseum. Das 9/11 Memorial Museum, in Museologien (Blog) https://museologien.blogspot.com/2014/05/die-usa-haben-ein-nationalmuseum-das.html