Mittwoch, 11. April 2018

Geschichte für Eilige. Das Nürnberger Stadtmuseum

Ein raum, eine halbe Stunde Stadtgeschichte
"Das Stadtmuseum Fembohaus ist das Stadtmuseum zur Geschichte Nürnbergs. 950 Jahre Stadtgeschichte werden anschaulich dargestellt. Es präsentiert in neuartiger Museumsatmosphäre mit ambitionierten Ausstellungen zu aktuellen Themen der Stadtgeschichte einen umfassenden Blick auf die Stadtgeschichte."

So stellt Wikipedia das Nürnberger Stadtmuseum vor.

Das Museum wurde 1953 gegründet, kurz bevor die Reichskleinodien, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Nürnberg gebracht worden waren, wieder nach Wien zurückgegeben wurden. Das Museum befindet sich im sogenannten Fembohaus, einem Haus eines sehr wohlhabenden Kaufmanns, errichtet im Stil der Spätrenaissance.

Schon als bauliches Dokument stellt das Stadtmuseum ein Problem in der (Re)Präsentation der Stadtgeschichte Nürnbergs dar. Es ist ein Zeugnis der Bau- und Wohnkultur der reichsten und lange Zeit allein herrschenden Schicht. Es wurde zwar im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, konnte aber als in Teilen erhalten und zumindestens teilweise wiederhergestellt werden - als eines jener meist städtebaulich isolierten historischen Bauten inmitten der modernen Bebauung nach 1945, die in der Stadt vorherrscht. Eine Reihe inmitten der modernen Nachkriegsbebauung singulär gewordenen Architekturobjekte behaupten etwas vom einstigen spätmittelalterlichen Glanz der Stadt inmitten ihrer die Geschichte auslöschenden Überbauung über den Kriegsruinen. Sowohl seine sozialhistorische Repräsentativität als auch seine unversehrtes Überdauern vortäuschende Rekonstruktion und Sanierung stellen ein Dilemma dar, dem man im Museum (und in Nürnberg) auch anderswo begegnet.

So beginnt der Rundgang durchs Museum im obersten, vierten Stock (ich komme später zum inzwischen neuesten Ausstellungsraum, der als in sich geschlossene Einheit gesehen werden will, und den man als jetzt als ersten betritt, später zurück), wo man sich vor einem großen Stadtmodell einfindet. Mithilfe eines gesprochenen Textes, an die Wand projizierten Fotos und einem wandernden Spot, der die jeweils angesprochenen Lokalitäten in der Stadt kenntlich macht, wird zunächst die mittelalterliche Geschichte der Stadt andeutungsweise erzählt. Also deren herausgehobene Bedeutung als Kaiserresidenz, Ort von Reichstagen, Stadt des Handels.
Genau diese blühende mittelalterliche Stadt wird ja auch im Modell gezeigt, in den Grenzen der heute noch umfangreich erhaltenen Stadtbefestigung.

Das Schicksal der Jüdischen Bevölkerung wird an den Erläuterungen zum Marktplatz und der Frauenkirche erzählt. An der Stelle des Platzes befanden sich die Häuser der jüdischen Bevölkerung, von denen über 500 in einem Pogrom 1349 getötet wurden. Nur fünfzig Jahre zuvor waren bereits über 600 Juden umgebracht worden. Nun zerstörte man ihre Häuser, an deren Stelle der "Große Markt" angelegt werden konnte und die Synagoge wurde durch die Frauenkirche ersetzt. Erst 1850 konnten durften sich wieder Juden in der Stadt ansiedeln.
Es wurde nun eine dritte, große Synagoge errichtet, die aber noch vor der sogenannten Reichskristallnacht zerstört wurde. Auf dem Stadtmodell sieht man die Synagoge nicht mehr, denn das stammt aus dem Jahr 1939 und zeigt daher eine leere Stelle an dem Ort der kurz zuvor beseitigten Synagoge. So wird ausgerechnet das aus der NS-Zeit stammende, die mittelterliche Stadt wenige Jahre vor ihrer Zerstörung noch intakt zeigende Modell zum Zeugen der antijüdischen Barbarei des NS.

Wer die großflächige Verheerung der Stadt nachvollziehen will, findet einige Räume später ein kleineres, einschlägiges Modell - und dann auch v.a. fotografische Dokumente der verwüsteten Stadt.

Man darf aber nicht glauben, daß die folgenden Ausstellungsteile die Hoffnung auf eine kritische Durchdringung der Stadtgeschichte erfüllen oder auch nur das Versprechen von Wikipedia einlösen wird, in "neuartiger Museumsatmosphäre" (...) "ambitionierte Ausstellungen zu aktuellen Themen" zu bieten.


Wir befinden uns ja in einem sorgfältig restaurierten Patrizierhaus, also in maßstäblich eher "heimeligen" Zimmern und Stuben mit Stuck, Deckenmalerei, Kasettendecken, Kachelöfen, Butzenscheiben-Fenstern, geschnitztem Holz usf. Die Ausstellungsmacher haben sich vom Ambiente zu einer eher altbackenen Gestaltung verführen lassen. Das erlaubt dennoch immer noch überraschende Einsichten, etwa in der knappe Vorstellung mancher Handwerke, wo man schnell begreift, worauf der Erfolg des Nürnberger Handwerks wohl beruht hat. Auf großer Innovativität, eignen Erfindungen, die man sorgsam schützte und einer hoch arbeitsteiligen Herstellung von Waren. Die Informationen zur Sozialstruktur geben eine Ahnung von den Machtverhältnissen in der Stadt und zwischen Stadt und Burg. Aber viele Informationen und Themen haben einen Schwerpunkt bei den reichen Schichten, eine Einseitigkeit, die immer noch viele Museen allein schon auf Grund ihrer langjährigen Sammlungsschwerpunkte pflegen. Aber für eine 2000 eröffnete Ausstellung ist das schon erstaunlich.
So gilt ausgerechnet dem protzigen Bau des allerreichsten Handelsherrn eine umfassende Dokumentation, mit Plänen, Modell und Lebenslauf, in dem aber so viele Fragen, die man gehabt hätte, nicht gestellt werden.

Objekte werden einzeln - z.B. historische Gemälde - oder in Gruppen als kunsthistorische oder auch historische Zeugnisse vorgeführt aber je näher es zur Gegenwart geht, desto weniger ergibt das noch so etwas wie eine anschauliche Erzählung. Fürs 17. Jahrhundert gibt es ein großformatiges Gemälde, das ein aus Anlass des Westfälischen Friedens gehaltenen Mahles entstanden ist, fürs 18.Jahrhundert muß ein bedeutender Landkarten-Verlag herhalten, der allerdings auch hier, im Fembohaus seinen Sitz hatte. Das ist interessant, aber eben nur eine Facette der Stadtgeschichte.

Ausgerechnet die Industrialisierung "entfällt" - bis auf dokumentarische Fotografien, ich glaube nicht einmal die älteste deutsche Eisenbahn wird erwähnt (?) die von Nürnberg nach Fürth führte, damit entfällt auch die moderne sozial-, alltags und politische Geschichte. Und das geht nun doch bei einer Stadt wie Nürnberg gar nicht. Für den NS und die verheerende Zerstörung der Stadt stehen wiederum nur dokumentarische Fotos zu Verfügung.
Wer wirklich etwas über Nürnberg in der NS-Zeit erfahren will, über die Stadt der Reichsparteitage und die Instrumentalisierung der Stadt im NS, der muß das Dokumentationszentrum in den Ruinen des Reichsparteitag-Geländes zu besuchen.

Doch inzwischen hat man einen neuen Ausstellungsabschnitt geschaffen, der aus einem einzigen großen Raum besteht. Ihn betritt man, so wird es einem beim Betreten nahegelegt, über die Sonderausstellungsräume und verläßt ihn dann über einen Lift, mit dem man vors Stadtmodell im vierten Stock kommt. Es ist also einerseits der erste Raum zur Stadtgeschichte, andrerseits gehört er nicht wirklich zur permanenten Ausstellung, denn er bildet so etwas wie ein abstract.


Nur 30 Minuten zum Stadtexperten

Atemlos durch die Geschichte
Vorher/Nachher. Zerstört/Wieder aufgebaut
Dieser Raum ist eher ein Schrein, ein großer Raum voller Dokumente, Repros, Fotos, Büsten, Fakes usw. dicht an dicht und an allen Wänden appliziert und von Gewölben - Fotoreproduktionen mittelalterlicher Architektur -, herabhängend, hüllt einen immersiv mit Stadtgeschichte ein. Hier werde man, versprechen einem Plakate in der Stadt, in einer halben Stunde zum Experten. "Nürnberg auf einen Blick" steht auf anderen Plakaten zu lesen. Und ein Motto hat diese Wunderkammer auch, nämlich "Krone - Macht - Geschichte". Ein Motto, das einen grübeln läßt, ob hier bloß die Macht der Krone gemeint sein könnte, das "kaiserliche" Nürnberg und daher nur "ihre" Geschichte.

Nun, es gibt eine Vitrine im Raum, und in ihr werden der Kronschatz gezeigt, als Replik, die Originale befinden sich ja in der Wiener Schatzkammer. Für Nürnberg (für wen genau eigentlich?) scheint der "Verlust" dieser Zimelien ein fortdauerndes Trauma, mindest eine Kränkung zu sein. Gleich mehrere Objekte beziehen sich auf das Kaisertum, aber insgesamt ist dieses Pasticcio aus Originalgemälden, Fotos, Büsten, Faksimiles - eines vom Heiltum in Wandhöhe -, usw. "ausgewogener" als die Dauerausstellung. Indes, es können die vielen Themen nur angerissen werden, ein bisschen NS hier, ein bisschen sozialdemokratisches Nürnberg dort, ein bisschen mittelalterliche Religiosität.

Die einzige Struktur ist eine lockere Chronologie und neun oder zehn Biografien, alles Männer, überwiegend politisch Mächtige, Kaiser, Bürgermeister - und Künstler, etwa Richard Wagner. Keine Frau. Kein Durchschnittsbürger.

Mit einem Audioguide dürfte das dann wirklich auf in einer halben Stunde zu schaffen sein. Also für ausländische Touristengruppen, die es eilig haben, weil sie noch Lebkuchen kaufen und Rostbratwürste essen gehen müssen. Für südkoreanische Touristen, die selbst für Wien nur vier Stunden haben, könnte das für Nürnberg genügen.

Stadtmuseen scheinen ein Problem zu haben. Es hat in den letzten jähren mehrere Veranstaltungen gegeben, in denen sie sich versammelt haben, um sich ihre Wunden zu zeigen. Eine dieser Veranstaltungen habe ich moderiert, aber mir ist auch da nicht so recht klar geworden, was das Problem ist gerade dieser Museen ist. In der Konkurrenz mit urbanem Kulturangebot und größeren, namhafteren Museen, namentlich den klassischen und moderne Kunstmuseen, scheinen sich Geschichtsmuseen als häßliche Entlein der Museumslandschaft zu sehen. Das ist vielleicht (auch) eine Frage des Selbstbewusstseins. Das andere Problem könnte sein, daß die Stadtmuseen kein rechtes Verhältnis zu "ihrer" Stadt finden. Wie auch, wenn die Gegenwart einer Stadt überhaupt nicht vorkommt, wie etwa im Nürnberger Museum. Auf die Schnelle fällt mir überhaupt nur ein einziges Museum ein, in dem Gegenwart ausdrücklich und ausführlich stattfindet. Das ist das Amsterdamer Stadtmuseum. Da habe ich gelernt, daß das berühmte Tiki-Taka des FC Barcelona bei Ajax Amsterdam erfunden und von Spielertrainern, die nach Spanien gegangen sind, als extrem beweglicher, schneller, athletischer Fußball exportiert wurden. Cool. Das war aber nicht alles. Dort traten mir Bewohner und Bewohnerinnen Amsterdams entgegen, über die ich etwas erfahren konnte und damit über deren Alltag und somit weiter über die Stadt als heutigen Lebensraum.

Womit sich alle diese Museen sehr schwer tun, ist die sinnvolle Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit. Dazu kommt die finanzielle und politische Abhängigkeit, die es schwer macht, sich mit konflikthaltigen Gegenwartsfragen zu beschäftigen.

Das erste, was zu tün wäre, wäre das "Historische" an diesen Museen, die Differenzerfahrung, in der Einsichten über Ursachen, Wirkungen, Lösungen zu forcieren. Ein Beispiel. Im Nürnberger Stadtmuseum Stadtmuseum stößt man auf eine ökologische Krise: die Waldgebiete schrumpften und damit die extrem wichtigen Holzvorräte. Da erfindet ein Nürnberger eine Methode der rationellen gewinnung von Baumsamen und Methoden der rationellen Aufforstung. Diese wird erfolgreich lange geheim gehalten und sichert Nürnberg einen weiteren "Standortvorteil". Das erinnert doch an etwas?! Da könnte man doch Anknüpfen, oder? Aber ein solcher Faden bleibt lose liegen.

Das gilt erst recht über alle Machtfragen. Wie ein Museum mit Machtverhältnissen umgeht, für die kann man die Frage in jedem Museum wie einen Lackmustest anwenden. Da setzt es meist ganz aus und wer eine historische Ausstellung "evaluieren" will (nicht nur in Stadtmuseen), der soll sich die Frage der Macht an Hand der gezeigten Dokumente und "Erzählungen" und Deutungen stellen. Da gabs doch einen Handwerkeraufstand, der die göttliche Nürnberger Gesellschaftsordnung für einen Herzschlag aussetzen ließ? Aber in all der feierlichen Vorführung patrizischer Kultur hats dafür keinen Platz im Museum.
Und Gegenwart? Die, in der ich mich als Tourist bewege. Die gibt es im Nürnberger Stadtmuseum nicht.





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