Montag, 20. November 2017

Aufbruch oder Ende des Museums? Walter Grasskamp gegen Wolfgang Ulrich

Die Veranstaltung des Museumsbundes in Linz zur Zukunft des Museums, Museum 2061, wurde von zwei Statements eingeleitet, wie man sie sich gegensätzlicher kaum vorstellen kann.
Walter Grasskamp stellte dem Museum die Diagnose “Verlust des Bildungsauftrages”, während Wolfgang Ulrich allerorten Aufbruch sah und von einer bis dahin ungeahnten “Öffnung” des Museums sprach.
Walter Grasskamp fällt keine leichtfertigen Urteile. Ich schätze ihn schon lange als fundierten Analytiker, der sich auf die genaue Kenntnis der Museumspraxis stützt. So auch diesmal, als er eine lange Liste von Veranstaltungen in Museen abarbeitete, die allesamt nichts und nur noch wenig mit der Kernaufgabe des Museums zu tun hätten.
Ich konnte ihm dabei gut folgen, denn mir fällt es nicht schwer selbst so eine Liste aus Badespaß, Kindergeburtstag, Picknick im Grünen, Bastelstunden oder Führungen für Nackte zusammenstellen.
Auffallend ist, daß Museen vermehrt Projekte anbieten, die man eher im Sozialbereich erwarten würde. So wenn es Angebote für spezielle Behindertengruppen gibt oder wenn derzeit allerorten Formate für oder mit MigrantInnen angeboten werden. Hier kann man nur im Einzelnen abwägen, wie weit so etwas noch oder nicht mehr Museumsaufgabe ist. Wie weit das Museum neue und sinnvolle Aufgaben erschließt oder schlicht seine Kompetenz überschreitet. Doch auch das ist eher ein Krisensymptom, eine Suche nach neuer Legitimation und Anerkennung jenseits des Gewohnten.
Wolfgang Ulrich dagegen stützte sich auf programmatische Äußerungen von Museen, auf die neueste Entwicklung in der Museumsarchitektur und auf ähnliche Veranstaltungstypen, wie sie Walter Grasskamp für seine Argumentation herangezogen hat. Doch er ortete eine Zuwendung zum Publikum in vielfältigen neuen Formen.
Ulrichs Ausrufung eines goldenen Zeitalters der Museen hat mich deswegen verblüfft, weil gerade er einer der schärfsten Kritiker des Kunst- und Museumssystems ist.
Auf das Podium zum Kommentar geladen, dachte ich deswegen einen Moment, die beiden Museumsanalytiker hätten sich bei der Anreise im IC auf eine Rollenverteilung a la “guter Cop, böser Cop” geeinigt oder Wolfgang Ulrich hatte uns eben eine paradoxe pädagogische Intervention zugemutet.
Wie auch immer, ich denke, die beiden Befunde bilden gar keinen Gegensatz, sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie sind zwei mögliche Betrachtungsweisen ein- und derselben Sachverhalte.
Von Sachverhalten, die sich bereits in den 60iger-Jahren abzuzeichnen begann: “Nach der Proklamierung des Museums als Dienstleistungsbetrieb Ende der sechziger Jahre", schrieb Ekkehard Mai in einem Essay der Neuen Zürcher Zeitung, "nach 'Sinnsuche', 'Sozialrelevanz' und 'Legitimationsnachweispflicht'  hat sich erst schleichend, dann ganz offen eine neue Dimension des Museumswesens eingestellt. [...] Das Museum als Teil der marktwirtschaftlich konditionierten Erlebnisund Unterhaltungsindustrie ist zunehmend völlig ephemer geworden, der Grundlagenarbeit enthoben und der puren Akklamation des Publikums im Wettbewerb von Brot und Spielen ausgesetzt." (1)
Man mag Mai nicht unbedingt in seinem Kulturpessimismus folgen, aber die analytisch schärfer formulierende Rosalind Kraus kommt zu einem ähnlichen Schluß: Die Krise der Museumsgesellschaft ist weitgehend ein Resultat der marktwirtschaftlichen Orientierung der 80er Jahre. Die Vorstellung vom Museum als Sachwalter des öffentlichen Erbes ist der Vorstellung vom Museum als einem Unternehmen mit sehr gut vermarktbaren Beständen und mit Expansionsgelüsten gewichen.“ (2)
Man erinnere sich an diese Zeit, als man nicht mehr ins museumsnahe Café gehen musste, sondern im Museum selbst kulinarisch bestens versorgt wurde, als die ersten eigenen Abteilungen für Museumspädagogik geschaffen wurden, als die ersten Museumsshops entstanden und nicht nur spröde wissenschaftliche Kataloge verkauften, Coffe-table-books, Nippes, Spielsachen für Erwachsene oder auch schon mal Teddybären im Klimt-Design.
Die Euphorie Wolfgang Ullrichs gilt einer konsumistischen Öffnung, die den Besucher tendentiell bereits als mathematischen Wert in der Besucherstatistik sieht und als zahlenden Kunden weit mehr denn als Bildungsbürger. Viele der Öffnungen, die Ullrich anführte, finden wir überall dort, wo sich Museen bereits  konsequent als Dienstleister ausrichten und die Kunst des Marketing oder der Kundenbindung ebenso geschickt nutzen, wie Handelsketten oder Medienkonzerne.
Welchen drohenden Verlust sieht dagegen Walter Grasskamp auf die Museen zukommen?
Museen waren zu Beginn Orte bürgerlicher Emanzipation und Repräsentation, im Grunde Medien liberaler Öffentlichkeit, in der Subjekte sich politisch teilhabend und die Gesellschaft als demokratische formierten. Den Traum vom aufgeklärten, kritischen und an den öffentlichen Angelegenheiten aktiv beteiligten Citoyen, der an den öffentlichen Angelegenheiten im Interesse des Allgemeinwohls teilhat, verstehe ich als Essenz dessen, was das demokratische Museum als Bildungsinstitution ausmacht. Von nicht weniger als der „Humanisierung der Nation“ sprach der Philosoph Hermann Lübbe in seiner Analyse des königlichen Museums in Berlin. Alle frühbürgerlichen Museen teilen in der ein oder anderen Form diesen Traum. Die Frage ob Walter Grasskamp recht behält, daß dieser Traum ausgeträumt ist, oder Wolfgang Ulrichs optimistische Deutung der Hyperaktivität der Museen stimmiger ist, ist also keine Geschmacksfrage im Abwägen zwischen zwei Argumentationslinien. Das ist schon eine kritische Weggabelung. Nur - merken das die Museen überhaupt?

Erschienen in: neues museum, Oktober 2017; Nr.17-4, S.130-131



[1] Ekkehard Mai: Museums-Transfer. Strukturwandel einer erfolgreich verloren gegebenen Institution. Neue Zürcher Zeitung Montag 17. Juli 1995, Seite 21. Mai setzt fort: "Das zur bloßen Mehrheitsfrage rudimentierte Politikverständnis von Demokratie, die sich mehr und mehr nach Wahl‑ und Haushaltsperioden unter sozialen und wirtschaftlichen Aspekten vor allem 'rechnen' lassen muß, hat nicht das Selbstwert‑, sondern vor allem das Funktionsverständnis zum A und O erklärt."
[2] Rosalind Krauss: Die kulturelle Logik des spätkapitalistischen Museums, in: Texte zur Kunst, 2.Jg., Nr.6, Juni 1992 S.131ff., hier S.135

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