Donnerstag, 26. Dezember 2013

Sonntag, 22. Dezember 2013

Museum, Politics and power

Museum, Politics and power. Was für ein Programm! Was für eine Steilvorlage! Ich bin sicher, daß ich nicht annähernd einen Überblick habe, was in welcher medialen Form derzeit museologische so jenseits der konventionellen Formen "Buch", "Seminar" oder "Tagung" zirkuliert. Doch so ein programmatischer Titel klingt ja nach Breaking News, so als ob noch nie über das politische des Museums und Macht und Museum diskutiert worden wäre.

Der Blog ist noch frisch! das Ausmaß der Beteiligung ziemlich überschaubar, die Internationalität noch ziemlich begrenzt. hier aber mal der Link und das eröffnende Statemt der Projektbetreiber:

http://museumspoliticsandpower.org

"With the social media project Museum, Politics and Power: An International Conversation we are breaking new ground by accompanying an international ICOM conference with a social media conversation across multiple channels. We’ve taken the tri-national conference as our starting place, but our interests in the topic are global.  No matter where you live or work, we hope you’ll join the conversation.  Here’s what we’ll be doing:

  • Encouraging and leading a discussion to explore what kind of topics connect or separates nations around the world in the arena of museums and politics. Can we really develop transnational and intercultural issues for discussion?

  • Providing information about the conference

  • Sharing background information on the topics closely related to the conference theme “Museums & Politics”/“Museums & Power“

  • Blogging, tweeting and sharing information live from the conference next fall for all colleagues who cannot come to St. Petersburg, Russia.

  • Providing a platform for exchanges among colleagues beyond and after the conference."


Freitag, 20. Dezember 2013

Text macht Museum (Texte im Museum 441)

Der "Ausweichsitz der Verfassungsorgane", kurz Regierungsbunker, sollte die Deutsche Regierung 30 Tage lang in einem Atomkrieg überleben lassen und auch Regierungsfähigkeit ermöglichen Und dann? Wir werden es nie erfahren, denn irgendwann begann man den Bunker aufzugeben. 
Aber es gibt offenbar immer Menschen, die der Meinung sind, daß man etwas erhalten muß, was immer es auch sei, anstatt es verschwinden zu lassen. Der lokale Widerstand, der sich gegen die völlige Demontage des unheimlichen Objekts entwickelte, "rettete" einen Rest - als Museum. Eine rasch hingepinselte Schrift (auf die ich durch Jörn Borchert aufmerksam geworden bin), setzt die entscheidende Demarkationslinie. 
Der Schriftzug bringt wie kein anderer "Museumstext" (in meiner Sammlung von Museumstexten in diesem Blog) Musealisierung auf den Punkt: Museum (Musealisierung) ist ein dezisionistischer Entschluss, etwas auf Dauer unverändert zu lassen.




Museumsszenen

Archäologisches Museum Reggio di Calabria - die sogenannten Bronzen von Riace

Weltmuseum - Stadtmuseum

Bekanntlich wurde die Idee, das Wien Museum vom Karlsplatz in die Umgebung des Zentralbahnhofes zu verlegen, aufgegeben. Nachdem die mit der Stadt kooperationswillige Bank, die den Museumsbau in ihre Entwicklungspläne einbeziehen wollte, wegen der Zögerlichkeit der Stadt Wien den Plan nicht weiter verfolgen wollte, verkündete unlängst der Kulturstadtrat das Verbleiben des Museums am alten Standort als wohlüberlegte kulturpolitische Entscheidung.
Soll sein. Offenbar hat man aber nicht parallel zu diesem Wohlüberlegen einen Plan B ausgearbeitet, denn es soll erst 2015 eine Ausschreibung erfolgen. Da ist der derzeitige Direktor in Pension und die Frage offen, wer denn den Wettbewerb vorbereiten wird. Interessant ist das auch deswegen, weil es offenbar kaum die für einen Architektenwettbewerb nötigen inhaltlich-museologischen Entscheidungen gibt. Seit 2009 hatten die Politiker der Stadt Wien, ziemlich vollmundig, ein "Stadtmuseum neu" angekündigt. Viel Zeit ist vergangen um zuzusehen, wie diesem bunten Luftballon langsam die Luft ausgeht - und die Chance vollkommen vergeben ist, die seit 1963 (!) existierende Dauerausstellung endlich zu ersetzen.

Ein paar hundert Meter entfernt dümpelte ein Museum ebenfalls schon lange in einem eher tristen Zustand dahin. Aber dort scheint nun doch, mit dem neuen Direktor und einer 25 Millionen Euro Investition, etwas in Bewegung geraten zu sein. Dort hat man ein Konzept entwickelt, den Wettbewerb durchgefüht und mit der Adaption von Museen erfahrene Architekten gefunden. Nach einer einigermaßen erträglichen Schliesszeit könnte das Museum 2015 wieder offen sein. Da beginnt man bezüglich des Wien Museums grade noch einmal von vorne.

Freitag, 13. Dezember 2013

Freitag, 6. Dezember 2013

Gurlitt und die Folgen (2) "Der gute Erbe"

In der Frage der Restitution von in der NS-Zeit geraubtem Eigentum spielt das Verhältnis von privat und öffentlich eine mehrdeutige Rolle. So auch im aktuellen Fall Gurlitt. Die rechtsbrüchige Beschlagnahme von Kunstwerken etwa für das in Linz geplante Führermuseum beendet das private Verfügungsrecht in gewisser Weise im Namen der Allgemeinheit, die Sammlungsobjekte werden in Museen ja zu Staatsbesitz. Also Besitz der Allgemeinheit.
Das ist im Kern kein so großer Unterschied zu anderen rechtsbrüchigen Annexionen, etwa in der Französischen Revolution, wo diese "Veröffentlichung" den Raub legitimierte, oder im Zuge kolonialer Politik.
Restitution bedeutet, das wieder rückgängig zu machen und daher u.U. Kunstwerke der interessierten Öffentlichkeit wieder zu entziehen. Wann etwa je Gustav Klimts Gemälde "Wasserschlangen", das bei der derzeit reichsten Sammlerin der Welt in einem arabischen Emirat gelandet sein dürfte (aus wiener Privatbesitz und mithilfe einer eben erst gegründeten Privatstiftung sowie über ein namhaftes Auktionshaus), je wieder öffentlich zu sehen sein wird, steht in den Sternen.
Im gegenständlichen Fall, ist es offen und umstritten, ob nicht der gesamte von der bayrischen Justiz beschlagnahmete Fundus legitimer Besitz Gurlitts ist und sofort ihm zurückgegeben müsste, oder ob das nur für bestimmte Werke mit bestimmten, u.U. sehr kompliziert zu bewertenden Herkunftsgeschichten gilt.
Einen originellen Beitrag zu diesem Aspekt und zur Privatheit als Merkmal des Sammlers hat Isolde Charim kürzlich in der taz veröffentlicht. Das kleine Psychogramm des Sammelns und der Sammlerpersönlichkeit allgemein entlastet in ihren Augen Gurlitt freilich nicht, der sich zur kultivierten Person stilisiert, sondern lädt ihm Verpflichtungen auf.
"Cornelius Gurlitt ist der Inbegriff des guten Erben. Demgegenüber erscheinen die anderen Erben, jene ohne Rechtstitel, umso leichter als „raffgierig“. Vielleicht gibt es ja kein Rechtsmittel für die Restitution – aber der Blick des einsamen Herrn Gurlitt in seiner Schwabinger cella, dieser Blick ist in seiner ganzen Kunstsinnigkeit ein gestohlener Blick."

Isolde Charim: Gurlitt, der gute Erbe, in: taz (online), 26.11.2013
http://www.taz.de/!128146/ 

Gurlitt und die Folgen (1) Restitution als neue Forschungsdisziplin

Eine der Effekte, den die Entdeckung der jede Menge NS-Raubkunst enthaltenden "Sammlung Gurlitt" in München hat, ist eine intensive, differenzierte und z.T. gründlich recherchierte Berichterstattung in den Medien, die Weit über den Anlass hinaus viele Aspekte des NS-Kunstraubes thematisiert. Etwa die Rolle des Kunsthandels und der Kunsthändler einst und jetzt, der Mangel an gesetzlichen Regelungen in Deutschland, wo die österreichische Gesetzgebung als vorbildlich gilt, die Erörterung der ethischen, historischen und rechtlichen Aspekte.
Eben ist in der Neuen Zürcher Zeitung ein Essay erschienen, in dem die Restitutionsforschung knapp und historisch dargestellt wird, als neuer Forschungszweig, dessen Entstehung sich allein der (späten) Entdeckung der Problematik der NS-Raubkunst verdankt.
Überraschend ist die Auffassung des Autors, die Verschlampung der Herkunftsbezeichnung und -forschung in Museen, wie sie seit langem zu beobachten sei, sei auch der spezifisch deutschen Ideologie der "Kunst für alle" geschuldet -: je "massenmedialer" die Museen wurden, desto eher vernachlässigte man alles Nachdenken über die Herkunft der Objekte.

Joachim Günter: Phantasie darf sein, Pedanterie ist unerlässlich. Aufschwung der Provenienzforschung, in: NZZ online 5.12.2013
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/kunst_architektur/phantasie-darf-sein-pedanterie-ist-unerlaesslich-1.18198696

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Fundsache. Gegen Eventpädagogik

In der heutigen Ausgabe der WELT kritisiert Tilman Krause die Schließung des profilierten Austellungsortes für Literatur, des Strauhofs in Zürich. Was ihn stört, ist das Projekt, das als Ersatz und Fortschritt politisch annonciert ist. Eine Art Schreibwerkstatt für Jugendliche, an der Krause kein gutes Haar läßt: "Beides – Unter- wie Überforderung – ist Ausdruck jener "Eventpädagogik", die auch in Museen und im Literaturbetrieb ihr Unwesen treibt. Natürlich macht es Kindern Spaß, mit Farben rumzuspielen, und den Kick, dies nicht nur zu Hause zu tun, sondern an einem so eindrucksvollen Ort wie einem Museum, sollte man nicht unterschätzen. Doch da, wo Bilder ausgestellt werden, sollten Kinder etwas ganz anderes lernen: konzentriert ein Kunstwerk zu betrachten, um eine erste Grundlage für das ästhetische Formgefühl sowie für ihr Geschmacksempfinden zu legen und langsam an eine sehr spezielle Welt der Erfahrungen und Genüsse herangeführt zu werden. Das geht auch alles ohne Bohei und Tschingderassabum. Kinder haben nicht nur ein motorisches Bedürfnis, sondern auch eines nach innerer Sammlung. Eltern, die ihren Kindern oft vorlesen, wissen das."

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Inventar als Neutralisierung

Die technisch hervorragende Webseite der Tate Gallery, mit ihren hervorragend rreproduzierten Kunstwerken, der komplexen Suchmaschine und den umfangreichen Informationen zu Werken und Künstlern inventarisiert ihren Bestand an Werken der Guerilla Girls unter "frustration" und "humour". Man beachte auch das Verhältnis feministischer Kunst zum Gesamtbestand abstrakter Kunst. Der Clou ist aber als "subject" diese die Repräsentation von Frauen kritisierenden Arbeiten unter dem (kunsthistorischen) Terminus "non-representational" einzuordnen. Gut, damit ist Nicht-Abbildlichkeit oder sowas gemeint, aber meine Herren...!



Museumsethik


Erase discrimination (Texte im Museum 438)

Bildunterschrift hinzufügen

Museumsszene

Antony Gormley: Testing a World View 1993


Sonntag, 24. November 2013

Adoptieren Sie einen Menschenschädel!

Mit 200 Dollar ist man dabei. Das Mütter-Museum in Philadelphia, eine der berühmtesten anatomischen Sammlungen weltweit, besitzt über 130 Schädelskelette des Wiener Anatomen Adolph Hyrtl. Die darf und soll man jetzt adoptieren. Wozu? Das Museum: "Your $200 donation pays for the initial restoration and remounting of a skull of your choosing, and gets your name on a small plaque next to your adopted skull for the next year." Der von Geza Uirmeny scheint schon vergeben. Die moderne saubere Beschriftung gibt den handschriftlich auf den Stirnknochen geschriebenen Text wieder. "Geza Uirmeny, 80; Reformist, herdsman. At age 70 attempted suicide by cutting his throat. Wound not fatal. Lived until 80 without melancholy."


Donnerstag, 21. November 2013

Achtung! Dieses Museum kann Ihr Leben gefährden! (Texte im Museum 437)

Phaeno, Wolfsburg. Es ist nicht das einzige Museum, das Zaha Hadid geplant hat, wo es solche Warnungen vor der Architektur gibt...

Phaeno


Meine zweite Gelegenheit, das Phaeno in Wolfsburg zu sehen, war kurz und enttäuschend. In der "Erlebnislandschaft", wie das die Dame an der Kassa nannte, um meinen ICOM-Ausweis für nutzlos zu erklären und mir 12 Euro abzuknöpfen, war ich vor allem generationell deplatziert. Abgesehen von Aufsichtspersonen und Schülergruppen begleitenden Lehrern lag das Höchstalter der Besucher um etwa zwei Drittel unter meinem.
Mich haben interaktive Technik- oder Science Museen nie besonders angezogen. Der Informationswert ist sehr begrenzt, der gesellschaftliche und historische Kontext ist nahezu lückenlos ausgeblendet, der Spaßfaktor für mich nicht wahnsinnig groß und die praktische Bedeutung gering - meinen Fernseher verstehe ich ja doch nicht, und nicht nur den.


Anders als bedeutungsoffene Museumsarrangements bildet die Aneinanderreihung von Experimentierstationen weder einen durch Verknüpfungen generierten oder gar übergreifenden Sinn noch lassen die Erläuterungen Spielraum fürs Entdecken und Erfahren. Meist bestanden die erklärenden Texte aus drei oder vier, jeweils numerierten, Schritten. Der Text weist einen an etwas zu tun, dann zu beobachten, was passiert, um dann zu erklären warum es passiert und um welches physikalische usw. Phänomen es sich handelt. Es fehlen nicht nur Hinweise auf gesellschaftliche Anwendbarkeit oder gar deren positive und negative Effekte, es fehlt interessantwerweise auch die Iformation über immanent-technische Brauchbarkeit und Nützlichkeit. Letztlich bleibt die pure Affirmation von Technik und technischer Machbarkeit.
Als Besucher ist man hier der Pawlowsche Hund, der nach einem Reiz-Reaktions-Schema etwas in Gang setzt, was streng genommen nur im Text stattfindet. Denn Anziehungskraft oder elektrische Energie kann man nun mal nicht "sehen".
So bleibt ein mehr oder minder unterhaltender spielerischer Effekt mit Verblüffüngs- oder Überraschungsqualität. Dem scheint man auch nicht mehr so ganz zu trauen, denn mir schienen gegenüber dem ersten Besuch die rein spielerischen Installationen, wie diverse Kugelbahnen zum selberbauen, wesentlich mehr geworden zu sein.



Das Haus war voll, um 10 Uhr Vormittag, und nach einer Zeit des ziellosen Flanierens, Entdeckens und Beobachtens - nicht nur der Installationen, sondern der Atmospähre im Haus -, machte ich mich in die karge Cafeteria auf. Da gabs keinen Kaffee, technisches Gebrechen an beiden Maschinen. Wie empfohlen, kam ich eine viertel Stunde, dann noch mal eine halbe Stunde später. Vergeblich. Kein Kaffee. Eine Experimentieranordnung?
Vielleicht liegt meine Unlust am Phaeno auch an der Architektur. Die wurde bei Eröffnung hoch gelobt einschließlich der städetbaulichen Funktion als eine Art Tor zur Stadt. Gerade als das nehme ich den schwebenden Betonkörper nicht wahr, denn er steht als solitär und ohne Verbindung zu benachbarter Verbauung auf einem Un-Ort, zwischen Bahngeleisen und zwei Straßenzügen, die man überquert, wenn man in die Fußgängerzone will. Unter dem Bau durchzugehen ist weder nötig noch einladend, vor allem in der Dämmerung oder Nacht. Das Bauwerk stellt einen fließenden, unregelmäßigen, höhlenartigen Raum dar, der sich aus verschieden großen Volumina zusammensetzt und durch farbiges Licht zusätzlich gegliedert wird.
Museumsspezifische Qualitäten (in diesem Fall: das Phano-Erlebnis codierende und formierende) gibt es kaum, dafür viel an manieristischer Selbstverliebtheit im Detail (etwea ein Panoramafenster, bei dem es aber in beiden Blickrichtungen nichts zu sehen gibt). Was sich aufdrängt ist die Atmosphäre aus weitgehend im Dunkeln liegenden Sichtbeton und deren Brutalismus überspielendem Licht. Geht das zu weit, wenn ich vermute, daß es darum geht, eine immersiv-regressive Atmosphäre herzustellen, eine "kindgerechte" Spielhöhle bereitzustellen, in der es nicht um kognitives Lernen oder gar diskursive Erfahrung, sondern um Wohlfühlen und Spass haben geht?
Den Kaffee bekam ich dann in der Fußgängerzone.


Sonntag, 17. November 2013

Stifterpaar (Texte im Museum 436)


Sitzen im Museum


Bitte nicht! (Texte im Museum 435)




Kleiner Scherz


Raubkunst, Raubhandel

Die Debatte um Raubkunst wir derzeit ungemein intensiv geführt. Die Gründung einer Klimt- Privatstiftung, in die einschlägige Werke in noch unbekannter Zahl eingegangen sind, hat in Österreich zu vielen Medienberichten geführt und zu Recherchen, von denen mir die Beiträge von Olga Kronsteiner im Standard am gewichtigsten schienen.
In Deutschland hat der "Fall Gurlitt" zu einer umfassenden Berichterstattung geführt, in dem viele Aspekte des NS-Kunstraubes und des Kunsthandels in dieser Zeit zum Teil außerordentlich detailgenau und sachlich aufgearbeitet werden.
Unter diesen Beiträgen ist mir einer in der taz aufgefallen, der den Kunsthandel in die Pflicht nimmt und die noch immer anhaltende Ungleichheit in der Verteilung der Lasten. 
Hanns C. Löhr resümiert seinen Artikel so: "Die Hauptaufgabe der Restitution übernimmt neben den Museen in Deutschland zurzeit die Verwaltung des Kunstbesitzes des Bundes, in der sich viele Werke befinden, die für Hitler und Göring gesammelt wurden. Außer Rückgaben hat es seit 2000 auch Entschädigungen der Erben in Form von Zahlungen oder Rückkäufen gegeben. Die hinter diesen Werten stehenden Gewinne wurden aber einst in den privaten Kunsthandlungen realisiert. Die Tendenz des deutschen Kunstmarkts, Gewinne aus der NS-Zeit zu privatisierten und die Kosten zu sozialisieren, ist ungebrochen. Während die deutsche Industrie mit der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" bereits gesellschaftliche Verantwortung für die Ereignisse im "Dritten Reich" übernommen hat, steht dies für den Bereich des Kunstmarktes noch aus."

Hier der Link:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F11%2F16%2Fa0065&cHash=0cd5a96e39548601e4cb5f3b30c3f6bd

Mittwoch, 6. November 2013

Memoria (Texte im Museum 434)


Sitzen (Liegen, Kriechen...) im Museum

Everyone wants to climb back into the womb sometimes, especially while trudging the unforgiving aisles of an art fair, but we wonder what Freud would say about Don and Mera Rubell’s double interaction with their daughter Jennifer’s monumental self-portrait on Stephen Friedman’s stand. The sculpture depicts the artist, naked and nine months pregnant but with a large cavity inside her bump (vacated a year ago by its original occupant, her son Max), into which visitors are encouraged to climb for the ultimate—if somewhat public—in utero experience. “I will nurture you, I will sacrifice all for you, I will do everything in my power on this Earth to give you whatever it is you are looking for,” the artist declares. “I will love you, whoever you are, whenever you come, whatever you think of me, forever.” Mommy knows best. The Art Newspaper, 17.10.2013

Ein Museum: Atomeisbrecher "Lenin"

Der 1959 in Dienst gestellte erste atomar angetriebene Eisbrecher der Welt, die "Lenin" im Hafen von Murmansk, wo das Schiff seit 1990 zum Museumsschiff und Hotel umgebaut wird








"Lenin" als Schauplatz einer vom Lentos Kunstmuseum kuratierten Ausstellung österreichischer Kunst


Montag, 4. November 2013

Wien Museum. Jahrelanges Hornberger Schießen

Ein Manager der Erste Group teilt im Fernsehen mit, daß man angesichts fehlender Willensbekundungen der Stadt Wien, den Plan nicht weiter verfolgt, im Zuge der Entwicklung eines gemeinsamen urbanen Projekts in Nachbarschaft des neuen Zentralbahnhofes auch ein Neues Wien Museum mit zu entwickeln.
Daß es so kommen würde, war zwar schon lange bekannt, aber jetzt dürfte es entschieden sein. Aus dem vor vielen Jahren angekündigten Wien Museum Neu wird es nichts werden. Von einer wegweisenden neuen Architektur mit Signalwirkung hatte man geredet und von einer Volksbildungsanstalt neuen Typs (der Bürgermeister der Stadt Wien).
Das Wien Museum bleibt, wo es ist, auf einem Platz, auf dem eine Erweiterung und Erneuerung nicht einfach ist.
Weder der Kulturstadtrat noch der Bürgermeister Wollen das "Aus" am Standort beim Zentralbahnhof bestätigen. Also gibt es auch kein Signal, wie es denn mit dem Museum weitergehen soll.
Der Zustand ist aber nicht nur ein Armutszeugnis der Politik, sondern auch des Museums, dem es nicht gelungen ist, ein überzeugendes Konzept zu entwickeln und eine qualifizierte Öffentlichkeit hinter sich zu sammeln.
Alles geht zurück an den Start.
Diese Stadt scheint kein Stadtmuseum zu benötigen und so wird sie auch keines bekommen.


Dienstag, 22. Oktober 2013

Hilfe! Uns gehen die Klimte aus!

Da gingen eben die Meldungen durch die Presse, die von einem privaten und geheimen Verkauf eines der Öffentlichkeit seit langem entzogenen Werkes Gustav Klimts raunten, dem Gemälde "Wasserschlangen", da kommt schon die nächste "Verlustmeldung", diesmal für den Beethovenfries.

Im ersten Fall hat eine hochbetagte Sammlerin das Werk zur Versteigerung gegeben und andere in eine Stiftung eingebracht, deren obskure Konstruktion Kopfschütteln hervorgerufen - der auf Lebenszeit bestellte Vorsitzende der Stiftung ist gleichzeitig Geschäftsführer des Leopold-Museums. Im zweiten Fall beanspruchen die Erben der Familie Lederer den Fries Klimts aufgrund merkwürdiger Erwerbsumstände (vgl. den Artikel in der taz vom 22.10.2013 - hier der Link) durch die Republik Österreich.

 Die Österreichische Galerie fürchtet nun um das leihweise überlassene, nun zum Bestand der Stiftung gehörende Gemälde "Die Braut". Und nun auch noch um den eigentlich nur als ephemere Dekoration gedachten, heute wie ein von den Medien wie ein Nationalkunstwerk betrachteten Beethoven-Fries.

Der Deal um den Fries fand seinerzeit noch unter Umständen statt, die heute angesichts gesetzlicher Regelungen und eines relativ unabhängigen Prüfungs- und Beratungsgremiums als überwunden gelten können. Über den Klimt-Fries wird also verhandelt werden. Die Wasserschlangen sind sicher pfutsch, wie der Standard glaubt zu wissen, in Richtung Emirat - als Käuferin gilt Sheikha Al-Mayassas, die Tochter des Emirs von Katar.

Ähnlich wie bei der "Federkrone" des Völkerkundlichen Museums, pardon, Weltmuseums, das zeitweilig, als dessen Rückgabe an Mexiko andiskutiert wurde, zum unverzichtbaren österreichische Identität verbürgenden Kulturgut stilisiert wurde, mutiert auch jetzt der Beethoven-Fries zum unverzichtbaren kulturellen Erbe des Landes.

Ungeachtet aller rechtlichen und ethischen Fragen könnte man sich ja auch mal von der possesitischen Obsession verabschieden, derzufolge der (materielle und örtliche Unverrückbarkeit heischende) Besitz einer Sache die Quintessenz der Kultiviertheit einer Nation ist. Verabschiedete man sich mal von dieser relativ primitiven Vorstellung von "besitzen" und erweiterte die Möglichkeiten um offenere, zeitlich begrenzte, sich wandelnde Umgangsweisen mit dem klulturellen Erbe, in der auch mal unbefangen über die künstlerische und historische Qualität eines Werkes wie des in der Sezession gezeigten Frieses befunden werden könnte, dann müssten nicht immer wieder Abendlands-Untergangs-Szenarien herbefantasiert werden. Und man könnte gelassener und moralisch unverfänglicher dafür Sorge tragen, daß sich der Kunstmarkt, wo es um öffentliche Interessen geht, nicht ganz nach den Logiken des globalisierten Kapitals folgenden Privatisierungsstrategien richtet.

Freitag, 11. Oktober 2013

Pädagogisch zeigen (Texte im Museum 432)


Besucherrekord. Oder: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte (Texte im Museum 431)


Das Museum als Haus - Die Welt als Museum




Das Museum als Haus - Die Welt als Museum

Dieser Vortragstext ist 1991 in „Ganz aus dem Häuschen“ erschienen, der Nachlese zu den 12. Museumspädagogischen (Privat-)Gesprächen, die damals in Graz stattgefunden haben. (MuseumspädagogInnen verlassen das Museum. Graz 1991 („...das lebende museum ... STEIERMARK“  im Grazer Stadtmuseum / Kulturvermittlung Steiermark / Kunstpädagogisches Institut Graz). Seite 6-12)

Unsere Vorstellung vom Museum ist wie selbstverständlich die vom festen Haus und Ort. Es geht um Schutz und Sicherheit, um Zusammenfassung, Ordnung, um Vergleichbarkeit und Zugänglichkeit. Erst durch die Fixierung  des Ortes, die Dauerhaftigkeit der Sammlung und eine über längere Zeit unveränderte Schaustellung kann der Museumsbesuch zum wiederholbaren Ereignis mit erwartbaren Erfahrungen werden. Doch ist diese Vorstellung vom Museum nicht besonders  alt im Verhältnis zur langen Geschichte des Sammelns. Das Museum als Haus - architektonisch und metaphorisch verstanden - ist die Form, die sich erst die bürgerliche Museumsidee gibt.

Zwischen 1815 und 1830 entstand in Berlin ein 'museion' besonderer Art. Ein speziell und nur für den Zweck entworfenes und errichtetes  Haus, das bedeutendste Teile des Kunstbesitzes des preußischen Königs aufzunehmen und öffentlich zum Zweck der Bildung zu zeigen hatte. Es ist dieses  von Karl Friedrich Schinkel  entworfene Neue Museum, meinem Wissen nach der erste selbständige, zu öffentlichen Bildungszwecken  errichtete  Sammlungsbau, eine Bau zudem, der diesen Zweck mit den Mitteln der Architektur, der Monumentalmalerei und  durch die städtebauliche Disposition veranschaulichte.

Mit der offenen, über beide Geschosse reichenden ionischen Loggia, mit der offenen Treppenanlage, die zu einer ebenfalls nach Außen offenen Halle im Obergeschoß führte, bildete der Architekt eine den Binnenraum des Museums mit dem öffentlichen Raum der Stadt verknüpfende Vermittlungssphäre, in der eine Zyklus von Wandgemälden mit der Darstellung der konfliktreichen Gattungsgeschichte auf den eigentlichen Museumsbesuch vorbereiten sollte.

Diesen öffentlich-kommunikativen, bilderreichen und ,bildenden', zwischen institutioneller und  städtischer Öffentlichkeit vermittelnden Raum, die obere Halle, hat Schinkel selbst in einer ihren Zweck programmatisch visualisierenden Zeichnung festgehalten.

Doch nicht nur dies und die selbstbewußte  Entgegensetzung der bürgerlich-öffentlichen Sphäre zum gegenüberliegenden Schloß sind bemerkenswert, sondern auch die Integration der musealen, über die ausgestellten Sammlungen evozierte Bildungserfahrung in den von den Wandgemälden erzählten gattungsgeschichtlichen Zusammenhang.  Dargestellt waren in der Loggia und Treppenhalle  u.a. das Götter- und Menschenleben, Kriegs- und Naturgewalt, die Gestirne usw., also nicht mehr und nicht weniger als "die Bildungsgeschichte der Welt", wie es in einer zeitgenössischen Interpretation heißt. 

Wilhelm von Humboldt hatte als Leiter der Museumskommission das Konzept eines Museums entworfen, das die Humanisierung der Staatsbürger - also auch die Humanisierung des preußischen Staates - zum Ziel hatte. Im Freskenzyklus wird diese Instrumentalisierung des Museums als Bildungsanstalt des Staates und der Staatsbürger,  als zentrale  Einrichtung, auf die sich der preußische  Staat berufen und fundieren möchte,  eingebettet in die Bildungsgeschichte der Gattung überhaupt. Vermittelt und zugleich extrem gespannt scheint  hier das Verhältnis von Innen und Außen, von Haus und Welt, von Sammlung  und Bildung.

1827 brach ein Streit über die Benennung dieses im Bau befindlichen Hauses aus. Der erste  Vorschlag für eine lateinische Inschrift  stieß auf Mißfallen:  FRIDERICVS GVILELMVS III STVDIO  ANTIQVITATIS  OMNIGENAE ET ARTIVUM  LIBERALIVM MVSEVM CONSTITVIT MDCCCXXVIII, in der deutschen  Übersetzung: Friedrich Wilhelm III.   hat  dem  Studium  jeder  Art  Alterthümer und der freien  Künste  diesen Ruheort  gestiftet  1828.

Das Wort Museum, das in der deutschen  Übersetzung merkwürdiger- und bezeich­nenderweise nicht  übersetzt und durch das eigentümliche Wort ,Ruheort' ersetzt wurde, war der Stein des Anstoßes. Die Einwände richteten sich gegen den Begriff Museum.  Mit dem  Wort Museum  würden, so der erste  Gutachter, "im ganzen Alterthume" nur Orte der Wissenschaft bezeichnet, aber niemals  solche zur" Aufbewahrung von archäologischen oder Kunstgegenständen". Zwar sei der Sprachgebrauch Museum der populäre, niemals aber der klassische und daher für eine Inschrift ungeeignet. Ludwig Tieck, Alexander von Humboldt und die um ein Gutachten gebetene historisch-philologische Klasse der Preußisch-Königlichen Akademie der Wissenschaften kamen sinngemäß  zu demselben ablehnenden Ergebnis.

Zum Zeitpunkt der Errichtung des Berliner Sammlungsinstituts ist der Begriff Museum noch keineswegs für Sammlungen und Sammlungsarchitekturen ausschließlich reserviert. So wie er für Vereine, Gesellschaften, Publikationen, literarische Sammlungen  usw. auch  gebräuchlich ist, können umgekehrt museale Sammlungen noch als Kabinette, Glyptotheken, Pinakotheken, Galerien usw. benannt  werden.

Doch der kurze, scheinbar nebensächliche Streit um die Benennung des durchaus als neuartig empfundenen Baus ist mit der terminologischen Offenheit nicht ganz zu erklären.

Interessant an dem Streit ist, daß zwei Traditionen des Begriffs Museum aufeinan­dertreffen. Die eine Tradition,  die die Gutachter und Experten gegen die Verwen­dung des Wortes  Museum  für einen Ort der Sammlung ins Treffen führen, leitet sich vom klassisch-antiken Wortgebrauch ab. Das heißt, von der Bezeichnung Museum für eine Pflegestätte der Wissenschaft an der aber nicht gesammelt, vor allem aber nichts  Vergangenes, Historisches aufbewahrt wurde.

Die andere Tradition, von der es in den Gutachten heißt sie sei die populäre, ist of­fensichtlich die ältere. In dieser Tradition lebt etwas von der Bedeutung des ur­sprünglicheren museion, des Musenortes fort. Also von der antiken Tradition, die im16. Jahrhundert wiederentdeckt und wiederaufgenommen wurde- und zwar damals in der  doppelten Bedeutung von Hain, Garten  jedenfalls den Musen gewidmeten Naturraum und Ort der wissenschaftlichen Betätigung  und des Sammelns. Indem man gegen die eigene philologisch untermauerte, rationale Kritik, die die Begriffsübertragung von Museum als Bezeichnung eines Ortes der Wissenschaft auf ein Sammlungshaus - historisch übrigens  korrekt - als unantik ablehnt, am Begriff Museum dann aber doch festhält, entschied man sich für die ungleich ältere Bedeutung, also unbewußt, nämlich ohne sich Rechenschaft über den Sinn dieser älteren Tradition zu geben.

In der Erinnerung an diese sogenannte populäre und älteste Bedeutungsschicht des Wortes Museum blitzt die Erinnerung sowohl an das museion als Ort des kollektiven Gedächtnisses auf, als auch die an einen lang zurückliegenden, längst verschütteten, konfliktreichen Enteignungsprozeß.

In diesem Enteignungsprozeß wurde die schrift- und bildlose, affektive und ausschließlich von weiblichen Musen beschützte, kollektive und gattungsgeschichtliche Erinnerungsfähigkeit durch die rationale, textgebundene von den  ausschließlich männlichen Priestern wissenschaftlicher Institutionen betriebene Gedächtnisarbeit allmählich abgelöst und verdrängt.

Der griechisch antike Begriff museion meinte ursprünglich den Ort der Musen, Töchter der Mnemosyne, der Göttin des Gedächtnisses und des Zeus. Zuerst ist es eine einzelne Muse - das Wort Muse bedeutet die Sinnende oder die Erinnernde - später sind es drei oder neun, ihre Zahl schwankt. Sie sind Naturgeister, Nymphen und leben anQuellen und Flüssen, wo sie im ekstatischen, göttlich inspirierten Gesang und Tanz die Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart beschwören, weissagen, deuten.

Das museion wurde dann die den Musen geweihte Stätte der Pflege der Erinnerung und des Eingedenkens  an die konfliktreiche Geschichte  der Zivilisation. Kunst, Geschichte und Wissenschaft hatten spezielle Schutzmusen, die für das Festhalten der Erinnerung einstanden und die vor allem die Rhapsoden beschirmten, die zu Beginn ihres Gesanges die Musen anriefen, als Garanten für die Wahrheit  des von ihnen vorgetragenen  Stücks Gattungsgeschichte.  
                                                            .
Es wurden den Musen Altäre errichtet, Bilder der Musen aufgestellt und der Hain, das museion, wurde zum Versammlungs- und Festplatz vornehmlich von Künstlern, dann auch zur Sammelstelle für Weihegaben und Opfer.                               .

Als Beschützerinnen der  Künste und des Geistigen wurden die Musen später zu Schutzpatroninnen von Schulen,  Gymnasien, philosophischen Akademien, wie z. B. der platonischen  Akademie und liehen ihren Namen dem alexandrinischen Museion, einer Stätte der Gelehrsamkeit, das seither oft fälschlicherweise als ,erstes Museum der Geschichte' bezeichnet  wird. Aus dem museion als mythischem, vage lokalisierbaren Naturraum wird allmählich eine Topografie der institutionellen Wissenschaft.

"Keine bessere Gelegenheit findet man nun zu dieser fast mit himmlischer Lust ver­knüpften Betrachtung der Natur, als in Museis oder solchen Orten, welche ausdrücklich dazu an einer bequemen und einsamen Stelle angeordnet sind, wo selbst man gleichsam  alle unnütze Geschäfte und weltlichen Rumor verläst, dagegen aber seine Sinnen und Gedanken zusammen ruft, und einzig und allein zur Ehre Gottes in der Betrachtung aller seiner Wunder anwendet. Hier sitzt er [der Forscher; G. F.] also ausgeschlossen und umgeben mit herrlichen, raren, wunderbaren und fremden Sachen, über deren Anschauung seine leiblichen Augen in angenehme Ergätzung und Fröhlichkeit gerathen."

So  beschreibt Neickelius Anfang  des 16. Jahrhunderts die  Freuden  des  solipsis­tischen  Gelehrten in seinem privaten  Refugium. Es ist das 16. Jahrhundert, das, zu­ erst in Italien, das museion wiederentdeckte, und zwar als privaten, in das Haus, das Schloß, den Palast integrierten Ort des Studiums und des Sammelns.

Das musaeum des 16. Jahrhunderts rekonstruiert ,klassisches' Wissen, den ,antiken Text' und  sammelt  dafür  Material, nun aber nicht nur schriftliche Überlieferungen, also Manuskripte oder Inschriften, sondern Gegenstände, wie Kleinplastiken, Münzen, Naturobjekte, Mineralien, Pflanzen und Tiere - das Präparieren und Konservieren wird im 16. Jahrhundert zu einer Basistechnik von Musealisierung. Das Museum ist ein gleichsam  archäologisches Unternehmen, in dem  durch  Sammeln, Vergleichen und Ordnen  von Material ein ,Text' gebildet werden kann.

Der Begriff Museum strukturiert Praktiken des zwischen Privatheit und Öffentlichkeit changierenden Umgangs mit Wissen im Kontext sozialer Bestimmungen wie ,Prestige', ,Wissen',  ,Wahrnehmung', ,Klassifikation' und ist zugleich humanistisch und enzyklopädisch. Die Welt ist im Museumsraum exemplarisch und geordnet präsent. Das musaeum wird vor allem ein Lokalisationsprinzip, eine Definition von Orten, an denen  Lernen stattfinden kann.

Einerseits ist das Museum, wie das Zitat von Neickelius zeigt, ein kontemplativer Ort, an dem - vom lärmenden Treiben des Alltags fern -, gleichsam mönchische Arkanpraktiken des Wissenserwerbes und der Wissenspflege ihren Platz haben. Andrerseits sprengt das Enzyklopädische des Museums den Raum der Gelehrtenstube. ln der Reformation und Gegenreformation, auch durch die dadurch  ausgelösten politischen Katastrophen und durch die das Weltbild sprengenden Expeditionen und Entdeckungen gerät das  arkanhafte, private  Sammeln in eine Krise. Die Integration exotischer Fundstücke in das Sammeln sprengt die herkömmlichen Museumsordnungen. Das Sammeln spiegelt nun, ab dem 17. Jahrhundert, eine alogischere, pluralistischere Weit wieder. Die instrumentelle und pädagogische Bedeutung von Sammlungen zieht Publikum auf sich und es entwickelt  sich das Museum über das Private hinaus zum sozial und kulturell zweckgerichteten Ort.

Zum qualitativ Neuen der zu Ende des 18. Jahrhunderts etablierten Museumsidee gehört erstens die Ausdehnung der Publizität des Museums zum radikaldemokratischen  Anspruch, uneingeschränkt jedermann das Museum als Ort  der Erfahrung von Geschichte zugänglich zu halten. Und zweitens: die Historisierung der Sammlung und ihrer  Wahrnehmung.

Das Museum wird zum Gang durch die Zeit, durch die Geschichte. So wurde bei dem erwähnten Berliner Museum erstmals eine historisch-chronologische und nach Schulen gegliederte Disposition der  Sammlung vorgenommen. Die sorgfältig überlegte Hängung  sollte das Vergleichen möglich und die historische Anordnung  - auch unerstützt mit didaktischen Hilfsmitteln -, erfahrbar machen.

Die Abtrennung des Museumsortes von der ,übrigen Welt', als einem Ort, an dem die Dinge gleichzeitig sind, konstituiert Geschichte. Das Museum wird im 19. Jahrhundert in diesem Sinn ein Ort der unendlichen Akkumulation, in der "die Zeit nicht aufhört, sich auf den Gipfel ihrer selbst zu stapeln und zu drängen, während im 17. Jahrhundert und noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Museen (...) Ausdruck einer individuellen Wahl waren.“

Die Idee, im Prinzip unvereinbare Zeiten und Räume, unvereinbare Stile und Epochen, unvereinbare Objekte an einem Ort zusammenzubringen, ist von der Idee beherrscht, die Zeit selbst aufzuheben, die Dinge, die Massen des Ererbten vor der Zeit selbst in Sicherheit zu bringen.

In diesen Dienst stellt sich eine museale Archäologie, die das mit den Toten bestattete Erbe, die selbst unsere Vorfahren aus den Gräbern holen wird, in diesen Dienst stellen sich die Raub- und Beutezüge der Moderne, die die Akkumulation musealer Sammlungen erst ermöglichen.

Das Selbstbild, das Museen von ihrer Entstehung und Entwicklung als Sammlung haben, ist das eines friedlichen und stetigen, gleichsam natürlichen Wachstums. Eine lange Geschichte glücklicher Funde, der Sammlerleidenschaft, von Geschick urid List begnadeter Persönlichkeiten, die mit Instinkt und Reaktionsvermögen, das Erbe mehrten.
Bei näherem Hinsehen erweist sich dieses Wachstum als Geschichte gewaltförmiger und widerrechtlicher An- und Enteignungen: vom Bildersturm und Bilderraub  der französischen Revolution bis zur Arisierung der NS-Zeit, von der Säkularisation, aus deren profaniertem Strandgut bedeutende europäische Museumsgründungen hervorgegangen sind bis zu den jüngsten Plünderungen des Irak in Kuweit, von den Expeditionen und Jagdkampagnen der Naturhistorischen Museen bis zur mit Zwang durchgesetzten und als freiwillige Schenkungen verbrämten Ablieferung von Kunstwerken und Kulturgütern der kolonisierten Länder an die Staaten Europas und Nordamerikas reicht die lange Kette widerrechtlicher und gewalttätiger Enteignung.

Auch die friedlicheren Prozesse der Vermehrung des Museumsgutes erweisen sich bei näherem Hinsehen mit Gewalt verbunden. Die bürgerliche Museumsidee ist eng mit einer reaktiven und kompensativen Bewegung verknüpft.

Ein sich beschleunigender zivilisatorischer Wandel läßt immer mehr Gegenstände immer rascher veralten. Diese Gegenstandsmassen werden nun weder auf Müllhalden geworfen, noch dem natürlichen Verfall noch der Zerstörung überlassen, sondern ziehen - als geschichtliches Gut oder als ästhetisch faszinierende Überreste - in immer neue Museen ein.                                                      ·

In der Schweiz etwa, einem Land mit der relativ größten Museumsdichte Europas
(nach Liechtenstein) wird derzeit durchschnittlich in jedem Monat ein neues Museum gegründet.

Die Masse der toten Arbeit vermehrt sich also mit unglaublicher Rasanz und der Widerspruch zwischen dieser Masse an toter Arbeit und der lebendigen Arbeit wird im­ mer schärfer.

Mit anderen Worten: die Möglichkeit, diese in Schausammlungen, Depots, Lagern
und Kellern, Tiefspeichern und Studiensammlungen aufgehäuften Mengen an Dingen durch wissenschaftliche oder pädagogische Arbeit wieder zum Leben zu erwecken, wird immer unwahrscheinlicher und immer vergeblicher.

Für die wohl meisten Museen gilt ja, daß vor allem die wissenschaftliche Arbeit in quantitativer  Hinsicht immer weiter hinter dem Sammeln, dem schieren Anhäufen, dem Horten hinterherhinkt. ln einem Prüfbericht des Rechnungshofes zu den Wiener
Bundesmuseen z. B. finden sich eindrucksvolle Zahlen dazu. So ist am Naturhistorischen Museum in Wien nicht einmal mehr die wissenschaftliche lnventarisierung möglich, wenn allein in der anthropologischen Sammlung jährlich 4000 Skelettreste anfallen.

Wenn aus lebendiger menschlicher Arbeit tote, verdinglichte Arbeit wird, so ist das ein Enteignungsprozeß. Die, die einen Gegenstand hergestellt, bearbeitet, benutzt und genossen haben werden vom Produkt ihrer Arbeit getrennt.

Musealisierung  ist ein solcher Enteignungsprozeß. Und er findet längst nicht mehr nur im und durch das Museum statt. Die Metapher von der Weit als Museum, die in den letzten Jahren in Umlauf gebracht wurde, beschreibt das Platzen des Museums. Die Obsession,  immer größere Lebensbereiche,  ganze Naturbezirke und Stadtgelände, Ensembles von Monumenten oder sogar vom Verschwinden bedrohte Arbeits­ und Lebensweisen bewahren zu wollen, ist die scheinbar grenzen- und widerstandslose Ausdehnung der Idee des Museums als Ort des Zeitstillstandes auf die ganze Welt.

Noch einmal: die Masse der toten Arbeit wächst beständig. Die Chancen, sie wieder in lebendige zurückzuverwandeln, schwindet aber nicht nur mit ihrer Massenhaftigkeit. Tote Arbeit übt Macht aus. Gegen die immens langfristigen Bewegungen ihrer Anhäufung scheinen die kurzen Zeit- und Lebensspannen, derer, die ihr gegenüberstehen ohnmächtig.

Zudem: Die Spezialisten im Umgang mit toter Arbeit wurden und werden enteignet. Und gerade die, die Herrschaft über tote Arbeit ausüben - die Kustoden, die Museumspolitiker und -verwalter -, verstehen nicht, oder nicht immer, mit ihr umzugehen. Ein Beispiel sind etwa industriehistorische Museen, die Arbeiter einstellen, um Maschinen zu warten, in Gang zu setzen und sie Besuchern zu erläutern.

Museen, die in der Verfügung derer stehen, deren Erinnerung sie enthalten, sind die seltenste Ausnahme. Bei der Mehrzahl der Museen werden die Produzenten von ihren Produkten und Produktionsmitteln durch Musealisierung getrennt und sie werden selbst zu Museumspublikum. Zu Konsumenten ihrer eigenen Vergangenheit, die ihnen als verwissenschaftlichte, erzählte und strukturierte Vergangenheit noch einmal enteignet  wird - unter einem fremdbestimmten Zugriff auf den sie keinen Einfluß haben. Tote Arbeit kann für ihre Produzenten selbst zum Mittel der Unterdrückung werden.

Wo aber jeder lebendige Umgang mit der Hinterlassenschaft fehlt oder versagt, bildet sich eine unheimliche Gegenständlichkeit aus der noch der letzte Rest an Erinnerung an vergangene Arbeit und Geschichte gewichen ist.

Es entsteht massenhaft "Verdinglichung" und das "bedeutet, menschliche Phänomene aufzufassen, als ob sie Dinge wären", was bedeutet, "daß der Mensch fähig ist, seine eigene Urheberschaft der humanen Weit zu vergessen, und [...] daß die Dialektik zwischen dem menschlichen Produzenten und seinen Produkten für das Bewußtsein verloren ist." Wo solche unheimliche Gegenständlichkeit in die öffentlich zugänglichen Schausäle einwandert, bildet sich immerhin noch die Erfahrung von Fremdheit, Andersartigkeit, von Alterität, das Museum kann zu einer Schule des Befremdens werden, in der inoffizielle Hinsichten, Blickweisen eingeübt werden könnten. Doch diese neue Diskussion über das Museum als Schule des Befremdens (Sloterdijk)  und Ort der Alteritätserfahrung (Waldenfels) sieht im Museum nur noch den Ort der spielerischen Einübung in das Befremden und benützt die durch Musealisierung erzwungen Distanz nicht mehr zur Kritik von Musealität und ihrem Zustandekommen.


Aber das Fehlen von eigensinniger, kritischer und lebendiger Arbeit oder ihre Ohnmacht angesichts der Menge und Last der Überlieferung erzeugen Realitätsverlust. Denn nur dann ist tote Arbeit tot, wenn sie nicht mehr in Beziehung zu setzen ist zu lebendiger Arbeit, denn nur diese Beziehung konstituiert Realität. Das Glück, die Erfahrung, der Genuß liegen nicht in den Dingen, sondern in den Beziehungen zu ihnen und an die Beziehungen, an die uns die Dinge erinnern.

Vermittlungsarbeit, die sich etwa unter der Prämisse der Objektvermittlung glaubt in den Dienst ,der Sache', d. h. auch: des Museums als Agentur des Erbes als stellen zu müssen, begnügt sich damit, mit den Resultaten von Musealisierung und mit institutionellen Sachzwängen unter Würdigungs- und Anerkennungspflicht zu operieren. Vermittler sind dann bloß Erbstauhelfer und Besichtigungsministranten.

Daher: Raus aus dem Museum!