Mittwoch, 30. Juni 2010

Ausschluss / Einschluss (Texte im Museum 71)


Kunsthaus Graz

Private View (Museumsphysiognomien 6)


Das ist eine Eintrittskarte für eine Sammlung. Sie wurde nicht verwendet, das Datum, das auf dem Vordruck mit der Hand hätte eingetragen werden sollen fehlt. Bis auf die Jahreszahl: 1774. Gleichzeitig ist sie eine Art Hausordnung mit einer Reihe von Regeln: Gültigkeitsdauer, Besuchszeit, und Besucheranzahl. Vier Personen, das galt für einen Tag.
Eine ebenfalls erhaltene detailliertere Anweisung ist in diesem Punkt penibler. Erschienen mehr als vier Personen, wurde die ganze Gruppe abgewiesen. Das konnte auch geschehen, wenn eine Gruppe nicht vollzählig erschien und sich die abwesende Person nicht rechtzeitig entschuldigen hatte lassen. Man mußte sich schriftlich voranmelden. Man konnte die Sammlung nur zur angegebenen Zeit und nur von Mai bis Oktober besuchen. An der restriktiven Regelung scheint sich lange Zeit nichts geändert zu haben. Ein grafisch aufwendig gestaltetes Ticket von 1842 gestattet Mr. Thomas and 5 friends einen Private View.
Horace Walpole ist der Urheber dieser Regeln, vierter Earl of Oxford, Schriftsteller, Autor eines einflussreichen Werkes über Modern Gardening und Bauherr eine gotischen Schlosses, das er aus einem Anwesen namens Strawberry Hill entwickeln ließ (zwischen 1749 und 1776) und das auch Aufbewahrungs- und Ausstellungsort einer - teils von seinem Vater geerbten Sammlung und Bibliothek - wurde. Unter den genannten Bedingungen durfte man seine Sammlung besichtigen.
Solche Regulierungen für die Besichtigung gibt es seit es private Sammlungen gibt. Ihr Eigentümer konnte nach Gutdünken Regeln aufstellen, bestimmte Gruppen ausschließen - wie Walpole zum Beispiel Kinder -, oder überhaupt niemanden zulassen. Man kann annehmen, daß allein durch das Procedere im Verein mit dem Status des Eigentümers viele Menschen gar nie auf die Idee kamen, je Besucher des Landsitzes zu werden. Sozialer Ausschluß muß nicht immer explizit geregelt werden, er wirkt subtil, versteckt hinter unscheinbaren Anweisungen wie z.B. zur erwünschten Kleidung.
Private View, wie es auf der Eintrittskarte von 1842 heißt, bedeutete daß privates Besitztum willkürlichen Regelungen unterworfen werden kann. Das gilt bis heute. Es kann kommerziell genutzt werden - Eintrittsgelder gibt es seit dem 16. Jahrhundert -, im kleinen Kreis von Kennern, Liebhabern oder Experten oder für breite öffentliche Bildung, Belehrung oder Unterhaltung. Das liegt allein am Besitzer und niemand kann ein Recht beanspruchen, gegen seinen Willen, Zutritt zu erhalten.
Der Unterschied von privat und öffentlich liegt also nicht in Zugänglichkeit im Sinne der Zahl der Besucher. In der Sammlungsgeschichtsschreibung oder Museologie generell wird mit dem Begriff 'öffentlich' häufig unglaublich unbedacht umgegangen. Wo sich Besuch nachweisen läßt, ist man schnell mit dem Wort öffentlich zur Hand. In diesem Sinn würden viele Historiker oder Museologen Horace Walpoles Haus und Sammlung als öffentlich bezeichnen - nur weil sie, wie wir gesehen haben, lange Zeit zwar nur maximal vier Personen pro Tag zugänglich war, aber eben zugänglich.
Aber das 'staatliche' British Museum der Gründungsjahrzehnte pflegte eine, immer wieder beklagte und kritisierte ähnlich restriktive Publikums-Politik. Nur Gruppen bis zu einer bestimmten Größe waren zugelassen, gegen Anmeldung und Bezahlung. Worin liegt der Unterschied? Er liegt in der Qualität und Funktion von Öffentlichkeit, die sich im Zeitalter der Aufklärung und mit den Museumsgründungen der Französischen Revolution grundlegend wandelte. (Siehe dazu den Post 'Museum und Guillotine'). Ab da war der Museumsbesuch als Anspruch auf Bildung für jedermann ein egalitäres Recht und die Ansprüche und Anmutungen des Museums als kultureller Einrichtung allgemein gültig und nicht nur für eine mehr oder minder idiosynkratisch definierte Gruppe.
Die Praxis des Private View verschwand deswegen nicht, viele Privatsammlungen sind nie zu sehen oder nur mit engen Eingrenzungen - man kann zum Beispiel an das Schaulager in Basel denken. Aber im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entsteht etwas vollkommen Neues, die Idee des Museums als gesellschaftlicher Institution und Praxis die - dem Anspruch nach - ausnahmslos jedem nützlich (gemeinnützig nennen das die ICOM-Statuten) und dienlich sein soll.

Keine Zeit zu verlieren (Texte im Museum 70)



Ausstellung nonstop. Stapferhaus Lenzburg. Foto GF 2010

Begehbare Lüge

Eine Kritik der Jörg Haider - Ausstellung in Klagenfurt findet sich in der heutigen WELT Online, wo Elmar Krekeler die Schau eine "begehbare Lüge" nennt und "eine einzige, seltsam verdruckste, unangenehme, extrem provinzielle Form von Vorwärtsverteidigung."

Letzte Chance hier auf Erden (Texte im Museum 69)



Jahreskalender einer Bäurin. Heimat bist Du starker Frauen. Sonderausstellung im Salzburger Landesskimuseum Werfenweng. Foto GF 2010

Sparen an der Kultur. Noch immer keine Museumskrise?

0,3 des Budgets sind für Kultur vorgesehen. Im 'Haushalt' Griechenlands und Italiens. In beiden Ländern wird von diesem bescheidenen Niveau aus weiter "eingespart" werden. In Griechenland begann es mit etwa 30% Kürzungen, in Italien sind die staatlichen Subventionen um fast ein Drittel heruntergefahren worden. Bis 2012 sollen 50% des Kulturetats eingespart werden. Über 200 kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen sollen ihre Unterstützung verlieren. Es trifft Festivals, Opernhäuser, Theater, die Denkmalpflege, Museen. In Italien wird gestreikt und demonstriert, in Griechenland scheint sich der Protest in die kulturellen Institutionen zu verlegen und schlägt sich im zurückhaltenderen Kulturkonsum der von drastischen "Sanierungsmaßnahmen" betroffenen Bevölkerung nieder.

Dienstag, 29. Juni 2010

Arme Kinder! (Texte im Museum 68)


Besucherbuch der Ausstellung "Berge. Eine unverständliche Leidenschaft". Innsbruck Hofburg. Foto Gottfried Fliedl 2010

Fundsache: "Rettung"


Schaffhausen wurde gegen Ende des 2. Weltkriegs bombardiert. Von US-Fliegern. Der Grund scheint unklar. War es ein Angriff, der einem anderen Ziel galt, aber eine Stadt der neutralen Schweiz traf? Oder ein Bombardement, das die Rüstungsbetriebe Schaffhausens zerstören sollten, die zu diesem Zeitpunkt nur noch das Deutsche Reich belieferten, nachdem sie gleichzeitig auch die Allierten ausgestattet hatten? Aus dem Museum wurde gerettet, was gerettet werden konnte, wie hier Teile der zoologischen Sammlung - auf offener Straße.... Foto Museum Allerheiligen Schaffhausen.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Blätterwald (Texte im Museum 67)


nonstop. Über die Geschwindigkeit des Lebens. Stapferhaus Lenzburg. Von Besuchern beschriebene Blätter im dunklen Dachboden des Ausstellungsgebäudes.

Neuerscheinung - In eigener Sache



Eben erschienen: Gottfried Fliedl, Gabriele Rath, Oskar Wörz (Hg.): Der Berg im Zimmer. Zur Genese, Gestaltung und Kritik einer innovativen kulturhistorischen Ausstellung. transcript. Bielefeld 2010
148 S., kart., zahlreiche farbige Abbildungen, 21,80 € ISBN 978-3-8376-1248-6

In dem Band wird die Ausstellung vorgestellt, der Produktionsprozess erläutert, in drei Evaluationen analysiert und mit je einem historischen, alpinistischen und psychoanalytischen Beitrag zur "Unverständlichen Leidenschaft" kontextualisiert.

Zur Ausstellung und ihren Auszeichnungen siehe den Post dazu.

Freitag, 18. Juni 2010

Warteschlange (Texte im Museum 66)



Alpines Museum München

Spaziergänger (Museumsphysiognomien 5)



Dieses traute Paar spaziert durch ein Diorama des American Museum of Natural History in New York. Die beschützende Geste des Mannes kann kaum allenfalls bedrohlichen Tieren gelten, die damals natürlich 'wild' waren, denn die im Hintergrund friedlich mit Nahrungsaufnahme beschäftigten Rebhühner (?) bilden ja keine drohende Gefahr. Auch das vulkanische Geschehen im Hintergrund ist kein Grund einen kleinen Morgenspaziergang zu unternehemn, ohne Bekleidung, ohne Waffen, ohne Proviant. Aber vielleicht sind die beiden ja zum Brunch in die Nachbarwüste unterwegs oder in ihre Behausung zu längst überfälligen Höhlenmalerarbeiten.
Die 'Spur', aus der die Rekonstruktion sich legitimiert, ist die Spur, die die beiden im Sand hinterlassen. Sie hat Jahrtausende überdauert und aus der unterschiedlichen Beschaffenheit der Fußabdrücke wurde auf ein heterosexuelles (?) Paar geschlossen. Papa und Mama auch, Ureletern, Ahnen. Denn die anthropologische Suche nach dem Ursprung der Menschheit (dem ersten Wesen, das man Memsch nennen darf) ist eine Bedingung für die Beantwortung der Frage "Wer bin ich" / "Wer sind wir"?
Nun, so sagt uns das Diorama, ein Paar wie Du und ich, zweisam, monogam, liebevoll, unerschrocken, etwas mehr behaart und etwas mehr nackt als heute, aber was solls. Das ist eben der zivilisatorische Fortschritt. Aber Männer aren schon immer Gentleman.
Was man sehen könnte: daß es im Museum weniger um Wissenschaft geht (dann verböte sich so eine zu 98% spekulative 'Rekonstruktion', die als authentisch auftritt), sondern um die Verbildlichung von Phantasmen, Begehren - nach dem 'Sehen', dem Beiwohnen des 'Ursprungs', nach einer anthropologischen Versicherung unserer modernen Verhaltensweisen - 'Paarbildung'.
Ist das Bild 'falsch'? Wird 'gelogen'? 'getäuscht'? - Man könnte so sagen, wenn es wie ein Symptom und nicht wie eine authentische Spur gelesen wird: nein. Aber das ist nicht leicht, solange das Museum sich selbst nicht klar wird, wovon es 'eigentlich' spricht.
In einem Spielfilm von Alain Tanner beschließt ein Landwirt seine Kinder selbst zu unterrichten, im Glashaus, wo er ihnen auch diese Frage stellt "weiß das Wasser, daß es kocht?".
Wir fragen: "Weiß das Museum, was es zu sehen gibt?".

Human remains (Texte im Museum 65)




Museum Victoria, Melbourne
Bildspende: Bernhard Purin

Tiroler Museumsqualifikation

Die heutige KRONEN-Zeitung (Tiroler Ausgabe) würdigt nicht nur auf vielen Seiten ihren eben verstorbenen Herausgeber, sie berichtet auch über die designierte Leiterin des Bergisel-Museum und wie diese - in einer Militärzeitschrift - ihre Qualifikation definiert: drei Generation ihrer Familien haben Militärdienst geleistet oder leisten ihn eben.
Für alle, die bei "Bergisel" an Brennerautobahn oder Skispringen denken - der Bergisel ist seit 1809, seit den Kämpfen der von Andreas Hofer angeführten Tiroler, der  Heilige Berg des Landes. Mit Denkmälern, Schießstand, Kaiserjäger-Museum, Kaiserjäger-Kapelle und einem militärisch-monarchisch-katholischen Symbolcluster. Jetzt wird das 1896 eröffnete Riesenrundgemälde, das eine der Bergisel-Schlachten darstellt und das im Tal, in der Stadt stand, auf den Berg transferiert (gegen vielfachen Widerstand) und dazu eine Museum errichtet.

Dienstag, 15. Juni 2010

Montag, 14. Juni 2010

„Berge, eine unverständliche Leiden­­­­schaft“ - Doppelt ausgezeichnet

Die Ausstellung „ Berge, eine unverständliche Leiden­­­­schaft “, die mit ihrer Laufzeit von 5 Jahren als 'semipermanenets Museum' verstanden werden kann und als eine Option auf ein dauerhaftes Museum, wurde heuer doppelt ausgezeichnet. Sie wurde für den Europäischen Museumspreis 2010 nominiert und erhält demnächst den Tiroler Museumspreis 2009 verliehen.

Die Ausstellung „ Berge, eine unverständliche Leidenschaft “ des Oesterreichischen Alpen­vereins in der Innsbrucker Hofburg wurde vom Europäischen Museumsforum für ihre innovative und publikumswirksame Präsentation und die die in jeder Hinsicht hohe Qualität in der Präsentation der Sammlung für ein großes Publikum und seine poetische Erzähl­weise ausgezeichnet.
Laut der internationalen Jury leistet die Alpenvereins-Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur Darstellung der Natur­beziehung des Menschen in all ihren gesell­schaft­lichen, wissen­schaftlichen und philosophischen Aspekten. Seit Ende 2007 präsentiert das Alpenverein-Museum in Kooperation mit der Hofburg Innsbruck auf 700 m² erfolgreich diese Sonder­ausstellung, die bisher insgesamt 150.000 Be­sucher­Innen zählte. Sie ist noch bis Ende 2012 täglich geöffnet. Bis dahin muss ein dauer­hafter Ort für eine Ausstellungsfläche des Alpenverein-Museums im Zentrum von Innsbruck gefunden werden.  

Vor kurzem trafen sich 160 TeilnehmerInnen aus 22 Staaten Europas, Russlands und der Türkei zur 33. Jahreskonferenz der internationalen Museumsvereinigung EMF in der finnischen Stadt Tampere. Knapp 60 Museen hatten die Teilnahmebedingungen erfüllt und waren von einer Jury persönlich begutachtet worden. Von diesen konnten sich schließlich 16 große und kleine Museen über eine Nominierung freuen. Die nominierten Museen kamen aus Belgien, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Holland, Irland, Kroatien, Österreich, Portugal, Russland, Türkei, Schweiz und Spanien. Allen war gemeinsam, dass sie entweder erst seit drei Jahren bestehen oder in den letzten drei Jahren eine wesentliche Umgestaltung vollzogen haben. Seit 1977 haben 1700 Museen aus 40 Staaten an diesem Wettbewerb teilgenommen. Den diesjährigen Museum of the Year Award erhält das Ozeaneum in Stralsund/ Deutsch­­land. Der Kenneth Hudson Preis ging an das Museum für Ver­hütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien.

Die Ausstellung „ Berge, eine unverständliche Leidenschaft “, die sich auf besondere Weise mit dem Bergsteigen als Phänomen für Körper, Geist und Seele auseinander­setzt, wird am 25. Juni ebenfalls vom Land Tirol mit dem Tiroler Museumspreis 2009 ausgezeichnet. Die Verleihung ist mit der Präsentation einer Publikation verbunden, die die Ausstellung vorstellt, diskutiert und evaluiert und die das Thema in drei Sichtweisen - ethnologisch, alpinistisch, psychoanalytisch - analysiert.

Gottfried Fliedl, Gabriele Rath, Oskar Wörz (Hg.): Der Berg im Zimmer. Zur Genese, Gestaltung und Kritik einer innovativen kulturhistorischen Ausstellung. transcript. Bielefeld 2010
148 S., kart., zahlreiche farbige Abbildungen, 21,80 € ISBN 978-3-8376-1248-6

Der Ehrgeiz des Projektteams war eine neuartige Form der Konzeption, Dramaturgie und Gestaltung für das Ausstellen zu finden. Es gab eine doppelte Voraussetzung, die den Arbeitsprozess strukturierte: inhaltlich-methodisch fiel die Entscheidung für eine Psychohistorie des Bergsteigens, die als Weg, als Auf- und Abstieg wie bei einer Bergwanderung konzipiert wurde. Die museologische Prämisse war 'Reflexivität'. Indem Motive, Erfahrungen und Gründe auch nach verschütteten, verdrängten oder zensierten Bedeutungen hin untersucht und dann visualisiert wurden, sollte sich die Ausstellung von herkömmlichen Erzählweisen merkbar unterscheiden.
Die Reaktionen auf dieses Experiment, das neue Wege des kulturhistorischen Ausstellens ausprobierte, waren sehr positiv und ermutigend.

Das Buch dokumentiert das Projekt, seine Entstehung, seine Realisierung und die Diskussionen, die es ausgelöst hat. Die Collage aus Bildern, Interviews, Zitaten, Kritiken, literarischen und wissenschaftlichen Texten verlässt ausgetretene Pfade der Ausstellungsdokumentation und macht Lust auf eine Fortsetzung der Diskussion - als eine Inspiration für die eigene Museums- und Ausstellungspraxis.

Das Projektteam: Oskar Wörz (Österreichischer Alpenverein), Gabriele Rath (Rath & Winkler), Monika Gärtner, Veronika Raich (Alpenvereinsmuseum Innsbruck), Beat Gugger (freier Kurator, Schweiz), Philipp Felsch (Wissenschaftshistoriker ETH Zürich). Ursula Gillmann und Matthias Schnegg (Basel) waren für die Gestaltung verantwortlich, Martin Scharfe und Gottfried Fliedl begleiteten und 'steuerten' das Projekt.

Die Ausstellung ist ganzjährig täglich geöffnet (2007-2012).
9-17 Uhr, Einlass bis 16.30 Uhr
Kaiserliche Hofburg zu Innsbruck, Rennweg 1, 6020 Innsbruck
BesucherInnen-Info unter (+43)-(0)512-587 186-12

Sonntag, 13. Juni 2010

Worte der Erbauung (Texte im Museum 63)


Messner Mountain Museum Sigmundskron / Firmian.
Text auf zerbrochener Glastüre.
Für die Spende danke ich Monika Gärtner

Samstag, 12. Juni 2010

Tod im Museum - Marcel Proust (Das Museum lesen 13)


»Ein Kritiker hatte geschrieben, daß Vermeers Ansicht von Delft (die das Museum im Haag für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte), ein Bild, das er (Bergotte. Anm.d.Red.) liebte und sehr gut zu kennen meinte, ein kleines gelbes Mauerstück enthalte, das so gut gemalt sei, daß es für sich allein betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme, von einer Schönheit, die sich selbst genüge. […] Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte, noch verschiedener von allem, was er sonst kannte, auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten Mal kleine blaugekleidete Figürchen wahrnahm, ferner, daß der Sand rosig gefärbt war, und endlich auch die kostbare Materie des kleinen gelben Mauerstücks. Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einen gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf das kostbare gelbe Mauerstück. So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. […] Indessen entging ihm die Schwere seines Schwindelgefühls nicht. In einer himmlischen Waage sah er auf der einen Seite sein eigenes Leben, während die andere Schale das so kleine trefflich in Gelb gemalte Mauerstück enthielt. Er spürte, daß er unvorsichtigerweise das erste für das zweite hingegeben hatte. Ich möchte doch nicht, sagte er sich, für die Abendzeitungen die Sensation dieser Ausstellung sein. Er sprach mehrmals vor sich hin: ›Kleines gelbes Mauerstück mit einem Dachvorsprung, kleines gelbes Mauerstück.‹ Im gleichen Augenblick rollte er auf ein Rundsofa […] Ein neuer Schlag streckte ihn nieder, er rollte vom Sofa auf den Boden, wo hinzueilende Besucher und Aufseher ihn umstanden. Er war tot. Für immer?“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Mittwoch, 9. Juni 2010

Die Türken in Wien. Eine Ausstellung des Jüdischen Museum der Stadt Wien

„Graz war immer das letzte Bollwerk eines westlichen Europas gegenüber den türkischen Übergriffen“. Dieser 'Sager' des Bürgermeisters der zweitgrößten Stadt Österreichs von 2005 steht in einer sehr langen Tradition - vor allem katholisch und konservativ-nationaler - antitürkischer Politik, die die zweimalige Belagerung Wiens, vor allem die von 1683, für ihre Zwecke instrumentalisiert hat. In meiner Volksschulklasse hing selbstverständlich ein der Bildtafeln, wie sie damals als Unterrichtsbehelf verwendet wurden, die "Türkenbelagerung" dar und der "Heimatkundeunterricht" führte unsere Klasse vor jene noch sichtbare Bresche in der Stadtmauer, wo die türkischen Belagerer am Eindringen in die Stadt gehindert wurden.

Nur vor dem Hintergrund dieses buchstäblich über Jahrhunderte tradierten Topos der "Türken vor Wien", versteht man den Witz, mit dem dem Ausstellungstitel "Die Türken in Wien" eine blitzartige Verschiebung der Perspektive und eine ironische Brechung der uralten Klischees gelingt.

Hinter dem Titel verbirgt sich aber nicht eine Revision verbogener Geschichtsbilder und zählebiger Vorurteile, sondern die penible Rekonstruktion eines Stücks so gut wie vergessener Geschichte. Wien war eine der Endpunkte der Fluchtbewegung der aus Spanien vertriebenen Juden, der Sepharden. Und Wien war eine der Orte, an dem sie sich als Gemeinde etablieren und integrieren konnten und zugleich Bezugspunkt für die anderen sephardischen Gemeinden des Balkan  die eine Brücke für Handel und Kultur zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich bildeten.

Was das Museum mit spröden Dokumenten und in wenigen Schauräumen bietet ist mehr als nur eine Dokumentation eines vergessenen Teils der Österreichischen Geschichte. Es ist auch eine Demonstration, was ein Museum auf der Basis wissenschaftlicher Vorarbeit leisten kann. Nämlich buchstäblich das: etwas im Gedächtnis zu behalten, was andernfalls vergessen wäre.

Die Türken in Wien. Jüdisches Museum der Stadt Wien. Bis 31. Oktober

"Wo itzt Paläste stehn, wird künfftig nichts als Gras und Wiese seyn." Das Berliner Schloss und das Humboldt-Forum. Teil III

Wunderbar! "Wo itzt Paläste stehn, wird künfftig nichts als Gras und Wiese seyn." Mit diesem Andreas Gryphius Zitat leitet Andreas Rosenfelder seine Sympathiebekundung über soviel Wiese inmitten von Berlin ein. Auch der Prophet Jesaja - DIE WELT (Online, 9.6.2010) darf sowas - wird zitiert, um der Hybris eines Schlosses etwas entgegenzusetzen.
Der Autor kokettiert mit einer Idee, die er selber abwegig findet. Wenn er die symbolische Unterdeterminiertheit einer Wiese ziemlich easy findet, auch als ein "Gras drüber wachsen lassen" über die ganze verkorkste Idee und Debatte um die Wiedererrichtung des Schlosses und das Humboldt-Forum, warum muß er dann meinen, daß "dieses urbane Idyll nicht dazu (taugt), das von der Geschichte entkernte Zentrum der Hauptstadt mit neuer Substanz zu versorgen"?
Warum nicht? Taugen dazu nur Monumente, Herrschaftsarchitekturen?
Sicher, die Wiese, die wird irgendwann so oder so verschwinden, das hält niemand aus, und das immer weniger. Denn daß es einen undeterminierten Raum im urbanen Gefüge gibt, das darf nicht sein. In unseren Stadtzentren ist alles geplant, abgegrenzt, gepflegt, bezeichnet, aber ich hab schon mal mit italienischen Kids auf der zentralen Piazza von Bologna stundenlang Fußball gespielt, und das war ein tolles Gefühl, eine Stadt mal so zu nutzen. In Berlin geht das nicht. DIE WELT zitiert dazu Horst Bredekamp, aber ich bin mir nicht so sicher, ob er nicht heimlich selbst daran denkt. Als Assistent des Kunsthistorischen Seminars in Hamburg konnte man ihn jedenfalls oft einschlägig in der nahen Wiese hinterm Ball herrennen sehen...

Dienstag, 8. Juni 2010

Lesen Sie bitte das Kleingedruckte! (Texte im Museum 61)


Centre Pompidou Metz - Viel Kleingedrucktes, gespendet von Nina Gorgus, die das schon alles gelesen hat! Und darüber in Fortsetzungen berichtet.

Stadtschlosswiederaufbauaufschubentscheid. Noch einmal: Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses und das Humboldt-Forum.

Die Tatsache, daß als Teil des bundesrepublikanischen Megasparpaketes ein "Stadtschlosswiederaufbauaufschubentscheid" (eine Wortspende des heutigen 'Perlentaucher') gefasst wurde, läßt alle Feuilletons der überregionalen deutschsprachigen Zeitungen die Alarmglocken läuten. Die Süddeutsche Zeitung findet das gar nicht so schlecht und freut sich überdies, daß die derzeitige grüne Wiese länger erhalten bleibt. (Ich fand die auch wunderbar, bei meinem Berlinbesuch im Vorjahr...).
DIE WELT hat schon ein Video, in dem die verschiedenen Stimmen zur "Kürzung" des Schlosses sammelt und zitiert den Präsidenten der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, daß die nun nötige Sanierung der Museen in Dahlem 200-300 Millionen Euro kosten wird.
In der FAZ ist der Aufschub bereits auf Seite 1 der Online-Ausgabe "eine epochale Niederlage der Kulturpolitik". Andreas Kilb ("Die Brache der Nation") räumt aber ein: "Die Vagheit und Beliebigkeit der Konzeption des Humboldt-Forums, das den Schlossbau füllen soll, hat zu dem jetzigen Debakel beigetragen. Bis heute ist es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trotz zahlloser Interviews, Konferenzen, Aufsätze, Bildbände und Ausstellungen nicht gelungen zu erklären, wie sie sich ihr Haus der Weltkulturen hinter den Schlüterfassaden eigentlich vorstellt (... und) worin genau die Einzigartigkeit des Humboldt-Forums bestehen soll."
Gelassener sieht das in einer Glosse Harry Nutt von der FR, die allerdings auch das Schloß bildlich auf Seite eins hat - Sozialkürzungen lassen sich nicht fotografieren. Gefragt wird nach den Kosten und der Organisation der Unterbrechung. Die Planungen laufen, eine Stiftung zur Abwicklung des Baues wurde gegründet und ein Informationszentrum, die "Humboldt-Box", 3000 Quadratmeter groß und fünf Millionen Euro teuer, sollte demnächst eröffnet werden.
"Reicht doch völlig" meint die taz zur derzeit am Rande des Bauplatzes aufgestelleten Schloßansicht (Foto links).
"Reicht doch völlig" sagen auch die Berliner. 80% waren in einer Umfrage kürzlich für das Aufgeben des Projekts.

Siehe Blog vom 5. Juni zur Schloss-Rekonstruktion und dem Humboldt-Forum.

Sonntag, 6. Juni 2010

Texte zum Verspeisen (Texte im Museum 60)

Ausstellung "nonstop. Eine Ausstellung über die Geschwindigkeit des Lebens" des Stapferhaus Lenzburg (2010)

Samstag, 5. Juni 2010

Das "Humboldtforum" im Berliner Schloss als "Kolonialzoo" und "permanenter Kirchentag"

Nur zwei Tage, nachdem ich diesen Post verfasst habe, findet sich das Berliner Schloss - und damit das Humboldt-Forum - auf der "Sparliste" der Regierung, nicht gestrichen, aber aufgeschoben. Das könnte wohl, wenn es zum Beschluss kommt, das Ende des Projektes sein.

Der wohl größte museumspolitische Brocken, an dem die deutsche Politik würgt, ist die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses und die Einrichtung eines Humboldt-Forums in dem teilrekonstruierten Gebäude. Jetzt droht der Erstickungstod, nicht den beteiligten Politikern, aber dem Projekt. Der Staat will nicht die Kosten für eine Rekonstruktion der Fassaden und der Kuppel aufgebürdet haben, und die Stiftung (Link zur Webseite Stiftung Berliner Schloss - Humboldt-Forum), die die Idee des Wiederaufbaus betreibt, Bauherr und Betreiber werden soll, kann die nötigen privaten Mittel bis jetzt nicht auftreiben. Wie es aussieht, könnte auch Schloßrekonstruktion und 'Humboldt-Forum' ein 'Opfer' der Wirtschaftskrise werden.

Wer die Leserbriefe zum heute in der FAZ erschienen Artikel liest, sieht schnell, daß kaum jemand für ein so teures, zerredetes und vielfach in Frage gestelltes Projekt angesichts der wirtschaftlichen Situation - des Landes und Berlins - argumentiert. Im Gegenteil: die zu dem Projekt nie gefragten Stimmbürger sind ganz schön giftig. Und giftig ist auch der Artikel von Patrick Bahners Humboldt-Forum - Wollen wir uns das Berliner Schloss noch leisten? FAZ, 5.Juni 2010.

Die Idee, die völkerkundlichen Sammlungen von Dahlem hierher zu übersiedeln, "Buschmänner, Derwische und Schamanen nach Berlin zu laden, um sie im Angesicht der erhabenen Zeugen ihrer Vergangenheiten über die Zukunft des Planeten 'verhandeln' zu lassen…laufe auf einen intellektuellen Neokolonialismus hinaus." Die diskutable Idee, die im Begriff des 'Forums' steckt, museale Sammlungen mit wissenschaftlichen Einrichtungen zu kombinieren und zu Orten des urbanen wie globalen Diskurses zu machen, die mag Bahners aber schon gar nicht: Diskurs ist für ihn "so eine Formel des eventmagischen Denkens."

Die Vorstellung vom Museum als Ort des Diskurses kommt hier als Argument der (kultur)politischen Durchsetzung des Projekts ins Spiel, riskant voraussgesetzt wird, daß Sammlungen sowieso "tot" seinen. Das ist ein Spiel mit dem Museumsfeuer, denn das Dilemma, der performativen "Lazarisation" der Dinge nicht einfach durch Ausstellungen, sondern durch eine neue Form des Museums herstellen zu sollen, stellt sich ja nicht nur für die Sammlungen, die im "Forum" ihren Platz haben sollen. Das Argument läßt sich populistisch ausschlachten, in politisches Kleingeld wechseln oder aber in schlüssige museologische Konzepte fassen. Letzteres ist, so viel ich sehe, nicht - noch nicht - geschehen. Wenn man, wie Bahners berichtet, leitende Vertreter wissenschaftlicher Institutionen dazu befragt, wird man für diese komplexe und besondere Anforderung keine befriedigende Antwort erhalten. Wissenschaften, die vielleicht erst vor ein paar Jahren den Slogan science goes public entdeckt haben, hätten, wenn sie überhaupt Erfahrung in der öffentlichen, medialen Transformierung des Wissens Erfahrung hätten, wenig bis gar keine, die auf den wirklich besonderen Fall 'Museum' zugeschnitten ist.

Die zentrale Idee, die alle Institutionen, Funktionen und Sammlungen verklammert ist die des 'Forums', also die Vorstellung des Museums als permanenter Konferenz (Beuys). Doch scheint es bisher nicht gelungen zu sein, die Wiederbelebung der dem Museum durchaus angemessenen Idee als zivilisatorischem Ort plausibel zu konkretisieren und dafür handhabbare Formen zu finden. Es scheint mir auch kein existierendes Beispiel dafür zu geben, nicht in dieser Größenordnung und nicht mit derartigen historischen Konnotationen. Es mag da und dort so etwas wie gelungene partizipative Museen geben oder - so ist mein Eindruck - in postkolonialen Situationen tatsächlich so etwas wie eine soziale Re-Definition des Museums. Aber wie soll das in diesem Fall denn aussehen, organisiert werden, museumspolitisch umsetzbar sein?

Die weit offene Flanke wird denn auch von der Kritik aus vollen Rohren beschossen. So hat Patrick Bahners (Was soll ins Berliner Schloss? FAZ vom 29.8.2009) gegen das anvisierte Modell des diskursiven Museums leicht zu argumentieren: "Wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird, wer bleiben darf und wer nur zu Gast ist: Das sind die harten Fragen, durch die Völker über ihre Identität entscheiden. In Berlin sollen sie unter der Prämisse erörtert werden, dass alle Grenzen künstlich und vorläufig sind. Der zentrale Raum des „Forums“ ist als „Agora“ ausgewiesen, als Raum für grenzenlose politische Debatten. Die hauptberuflichen Debattenveranstalter unter den Gründern verlangen, das ganze „Forum“ solle als „Agora“ genutzt werden. Dem können die Museumsleute kaum widersprechen. Sie können noch Latein und Griechisch und wissen, dass das eine Wort die Übersetzung des anderen ist."

Wie akademische Eliten mit dieser Idee umgehen, das zieht Bahners im aktuellen Artikel sowieso ins Lächerliche, aber auch der Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, kriegt seine Breitseite ab. Dass, wie er sagt, die "Realisierung des Humboldt-Forums…ein starkes Zeichen hinsichtlich der Gleichberechtigung der Weltkulturen in einer längst globalisierten Welt“ und das „Kunst- und Kulturzentrum gänzlich neuen Zuschnitts“ ein „völlig neues Miteinander der Kulturen erlebbar“ machen werde, als die große Chance, „um die uns die Welt heute schon beneidet“, das kontert Bahners trocken mit: "Es ist betrüblich, dass der Präsident der SPK solche Phrasen des kulturlosen Wunschdenkens verwendet."

Man könnte noch hinzufügen, daß es gerade die Museen sind, namentlich die Völkerkundemuseen des deutschsprachigen Raums, die wenig Ermutigendes und Innovatives genau in Hinblick auf den von Parzinger pathetisch beschworenen Tugendkatalog geleistet haben und die meilenweit davon entfernt sind, ein völlig neues Miteinander der Kulturen zu ermöglichen.

Schon vor längerer Zeit hat Andreas Kilb (ebenfalls in der FAZ: Auf dem Weg zum Louvre von Berlin) das Fehlen stimmiger und plausibler Pläne beklagt: "Das Forum der Weltkulturen wäre ... zur einen Hälfte ein mit Texttafeln aufgemotztes Remake der Dahlemer Völkerkundemuseen, zur anderen ein Mischmasch von Schaumagazinen, Multimedia-Sälen und Seminarräumen unter dem pompösen Etikett der 'Laboratorien des Wissens'. Diese geschichtspolitische Nullnummer kann niemand wünschen."

Grundsätzlicher formulieren die einzigen organisierten Gegenr des Projektes, die mir bekannt sind, eine studentische Gruppe unter dem Slogan "Anti-Humboldt" die Implikationen der Übersiedlung der ethnologischen Sammlungen: "Alle bisherigen Verlautbarungen der Federführenden lassen erkennen, dass es bei dem Humboldt-Forum nicht um eine Reflexion der Gewalt geht, die im Zuge des Kolonialismus von Europa aus auf den Rest der Welt ausgeübt wurde. Vielmehr wird Andersheit ontologisiert, die zur Souveränitäts- und Kosmopolitismusdemonstration der Ausstellernation dient. Die Schlossfassade steht symbolisch für die verlorene und rückgewonnene Einheit Deutschlands, sowie für das „goldene Zeitalter“ des Preußentums, das nun zum nachteilungsgeschichtlichen Lückenfüller wird. Ausgerechnet in einem solchen Zusammenhang sollen nun „Kulturschätze“ aus aller Welt zur Demonstration von Weltoffenheit der selbsternannten „Kulturnation“ dienen. Eine derartige Rekontextualisierung an diesem symbolisch aufgeladenen Ort in direkter Nachbarschaft zur Museumsinsel mit ihren Sammlungen „klassischer Hochkulturen“ nennen wir eine Instrumentalisierung nichteuropäischer Künste und Kulturen." (zitiert von der Webseite)

Institutionell ist das „Humboldt-Forum“ ein Mix aus Museums- und Forschungseinrichtungen: der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Berliner Landesbibliothek und der der Humboldt-Universität. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übersiedelt die völkerkundlichen Sammlungen von Dahlem ins Zentrum der Stadt. Die Legitimation dieser städtebaulichen und damit auch ideologischen Neupositionierung der ethnologischen Sammlungen wird, ähnlich wie anlässlich des Musée du Quai Branly in Paris, mit der "Gleichwertigkeit aller Kulturen" formelhaft beschrieben. Dazu genügt aber nicht der ostentative Akt einer Verschiebung ihres symbolischen Ortes, dazu braucht es einen tiefgreifenden Wandel des Konzepts Völkerkundemuseum - wenn nicht dessen Aufgabe zugunsten von etwas Neuem, noch kaum Geahnten.

Gemeinsam mit den Museen der Museumsinsel, dem Deutschen Historischen Museum und der museal genutzten Friedrichwerderschen Kirche würde ein riesiger Museumskomplex entstehen und es fällt, als ob das nationalpolitische Konkurrenzdenken wie im späten 19.Jahrhundert (bei dem Museumsgründungen eine große Rolle spielten) ein Revival erlebte, als Bezugspunkt für diesen megalomanen Museumskomplex als Referenzprojekt nicht mehr und nicht weniger als der Name Louvre.

Eine 2009 gezeigte Ausstellung, "Anders zur Welt kommen", (hier zur Webseite) sollte modellhaft vorzeigen, was vom Humboldt-Forum einst geleistet werden könnte. Aber die mediale und öffentliche Resonanz auf die Ausstellung war verhalten und hat der Idee als Ganzes nicht zum Durchbruch verholfen. Die zentralen Widersprüche des Konzepts sind offensichtlich. Der politisch-symbolische Akt, das Schloss der Preussischen Könige wieder aufzubauen und seine Fassade zu rekonstruieren, ist als - immerhin auch finanziell aufwendiges - Vorhaben demokratischer (Kultur)Politik kaum zu argumentieren. Noch dazu hat der Architektenwettbewerb ein angefochtenes und umstrittenes, keineswegs neue architektonische und städtebauliche Akzente setzendes Resultat gebracht. Nicht nur die Wiedererrichtung eines - freundlich formuliert - ambivalenten Herrschaftsbaues unter dem Prätext des pfleglich-respektvollen Umgangs mit dem kulturellen Erbe, ist ein fragwürdiger symbolpolitischer Akt; auch die buchstäbliche Revision einer Epoche der jüngsten Geschichte: auf einem Teil des Geländes stand der Staatsbau der DDR, der Palast der Republik (erst 2008 definitiv abgebrochen).

Und davon solte das neue Projekt nicht kontaminiert werden? - Das ist aber nicht alles. Museumssammlungen, zum Beispiel solche der Humboldt-Universität, aber auch die völkerkundlichen Sammlungen in Dahlem, in das Schloss zu transferieren, ist schon auf einer ganz pragmatischen museologischen Ebene problematisch. Und schließlich: wie werden sich diese Sammlungen in die vorhandene museale Megastruktur der Museumsinsel eingliedern oder an sie anbinden? Und auf die Frage nach der Funktion der völkerkundlichen Sammlungen an diesem Ort, hat bisher über die genannten Gemeinplätze noch nicht im entferntesten jemand schlüssig Auskunft geben können.

Bahnerts Ingrimm ist also angesichts der langen Dauer der Debatten und ihrer Ergebnislosigkeit nicht zu Unrecht ziemlich heftig. "Wenn man festhält an der Vision, dass weiland als Wilde abgestempelte Andersdenker unter den Augen der Berlintouristen grübeln sollen, dann wäre für diesen modernen Kolonialzoo Christoph Schlingensief der perfekte Direktor. Und sonst? Ein 'Humboldt-Forum' mit Schaufenster der Akademien wäre eine Mischung aus interaktivem Schulfernsehen und permanentem Kirchentag."

Abbildungen: Berliner Schloß, historische Fotografie. Das Schloß als Kriegsruine. Abbruch des Palastes der Republik. Rekonstruiertes Schloß. 'Wunderkammer' der Ausstellung 'Anders zur Welt kommen'.

Gesang der Ozean-Familien (Texte im Museum 59)



Text verfasst aus Anlass der Abteilung Ozeanien des Völkerkundemuseums München 2005

Fundsache: "Museumsordnung"



Geordnet Sitzen. Völkerkundemuseum München

Mittwoch, 2. Juni 2010

Kleines Museumskrisenbeispiel - Kurz & schmerzlos

Ein Kunstverein in einer Kleinstadt. Eine bezahlte Leiterin, sonst nur Ehrenamt. Die Kommune streicht die Subvention. Ende.
Nicht ganz. Die Kommune streicht die Subvention nicht einfach nur des "Sparzwangs" wegen, sondern weil das Programm des Kunstvereins zu wenig populär ist, zu wenige Leute in die Ausstellungen lockt.
Das alles geschieht in Glückstadt.
Nachzulesen in der heutigen taz.

Mit diesem Foto wirbt das Palais für aktuelle Kunst für seine Rettung.

12. Internationale Sommerakademie Museologie - Ausschreibung und Programm

Museumstexturen
Lesarten des Museums





7. bis 14. August 2010
Schloss Retzhof, Leibnitz (A)

Im Museum geht es um das Zeigen und nicht um das textliche Erklären („Was zu sehen ist“). Dennoch nähern wir uns dem Museum dieses Mal vom Text her, quasi hinterrücks.
Denn: Text wird gebraucht. Vor der Ausstellungs- und Museumspräsenz hilft er, durch Sprachbilder und Formulierungen die Ausstellungsräume vorab im Kopf entstehen zu lassen. Text wird in Raum übersetzt. Text wird üblicherweise gebraucht, um bei einer stehenden Ausstellung Evidenz zu erzeugen, um die Exponate und die Präsentation zu erklären, um Vorstellungen zu erzeugen, um die Ausstellung, das Museum zu vermitteln, zu verkaufen, interessant zu machen. Die Textebene ist v.a. der dokumentarischen Seite des Museums zugeordnet und dem Text haftet per se eine stärkere Glaubwürdigkeit und Objektivität an als den Objektarrangements.

Aber die Sommerakademie ist nicht als Schreibwerkstatt gedacht, sondern als Wahrnehmungsschule und Museumswerkstatt, in der wir den Fokus auf die Bedeutungsdimensionen und Konstellationen von Texten im Ausstellungs-KonText richten, auf die Texturen des Museums.

Das Museum, das der Verständigung über Geschichte, Identität, über Werte und Bedeutungen dient, betreibt eine Spurenlese und fordert gleichzeitig selbst verschiedene Lesarten seiner Struktur und Funktion heraus. Es ruft bestimmte Interpretationen hervor, kann sie geradezu erzwingen oder zu verhindern und zu blockieren versuchen.

Als Einstieg in die sommerliche Reflexion über das Museum werden wir uns damit beschäftigen, wie man ein Museum/eine Ausstellung ‚liest‘ – im Sinne der Analyse und Kritik. Wir fragen insbesondere nach der Funktion von Texten im Verhältnis zu Bildern und Objekten innerhalb des Narrativ Museum. Das Museum changiert zwischen Dokumentation und Fiktion. Über die Auseinandersetzung mit Texten (z. B. Literatur) als Ausstellungsgegenstand werden wir uns der Frage nach dem Museum als Ort der Illustration zuwenden. Illustrieren die Objekte/Bilder die erzählte(n) Geschichte(n) oder geben die Texte vor, was und wie etwas zu sehen ist? In der diesjährigen Sommerakademie werden wir uns zudem mit der Frage beschäftigen, wie eine Geschichte/Erzählung erzeugt, gefunden wird, die dann in der Ausstellung ‚aufgeführt‘‚ inszeniert‘ wird bzw. ob und welche Erzählungen von den Objekt-Raum-Konstellationen ausgehen können.

Schließlich wenden wir uns Texten/Literatur im Museum zu und werden auch literarische Texte über das Museum einbeziehen.

Während über das Museum oft unter organisatorischen Gesichtspunkten gesprochen und nachgedacht wird – inventarisieren, sammeln, konservieren, restaurieren, verleihen, schützen, deponieren –, werden wir uns in der Sommerakademie ganz auf die museologische Reflexion konzentrieren. Wie immer werden wir das mit unterschiedlichsten Arbeitsweisen tun, Arbeiten in Gruppen, Ausstellungsanalysen, der Erarbeitung einer Ausstellung, der Recherche auf Exkursionen, dem Vergleich von sachlichen und poetisch/künstlerischen Zugangsweisen zum Museum.

Die Internationale Sommerakademie Museologie ist seit 1999 ein anerkanntes Forum zum Erfahrungsaustausch über das Arbeitsfeld Museum und Ausstellung und will die Reflexion der musealen Praxis anregen, aktuelle museologische Inhalte vermitteln und in einem werkstattartigen Kontext zum Erproben der neu gewonnenen Einsichten ermutigen.











In einer konzentrierten einwöchigen Klausur in der wunderbaren Atmosphäre von Schloss Retzhof gelingt die Verknüpfung des Angenehmen mit dem Nützlichen. Die Diskussion der Museumspraxis auf der Grundlage aktueller museologischer Theorie mit den eingeladenen Referenten/innen und dem begleitenden Team sowie der Teilnehmer/-innen untereinander ermöglicht eine neue Stufe reflektierter Museumspraxis.

Mit
Renate Flagmeier, Leitung der Sommerakademie. Leitende Kuratorin Werkbundarchiv - Museum der Dinge Berlin (D)
Monika Flacke, Sammlungsleiterin Deutsches Historisches Museum Berlin (D)
Gottfried Fliedl, Museumsakademie Joanneum, Graz (A)
Heike Gfrereis, Leiterin Literaturmuseum der Moderne, Marbach (D)
Ursula Gillmann, Prof. für Ausstellungsdesign Hochschule Darmstadt (D)
Beat Gugger, freier Ausstellungskurator, Basel (CH)
Roswitha Muttenthaler, Kuratorin am Technisches Museum Wien und Museologin (A)
Thomas Thiemeyer, BMBF-Projekt wissen&museum, Marbach/Tübingen (D)
Till Velten, Künstler & Leiter des Masterstudiengangs Master of Arts in Fine Arts, Luzern (CH) (angefragt)

Organisation
Theresa Zifko, Museumsakademie Joanneum, Graz (A). Sie steht Ihnen unter sommerakademie@museum-joanneum.at für Ihre allfälligen Fragen zur Verfügung.

Kontakt
Museumsakademie Joanneum
Schloss Eggenberg, Eggenberger Allee 90, 8020 Graz
E-Mail: museumsakademie@museum-joanneum.at
Tel.: 0316 / 8017-9805
Fax: 0316 / 8017-9808

Veranstaltungsort
Schloss Retzhof, Leibnitz (A)

Zertifikat
Im Anschluss an die Teilnahme an der Sommerakademie 2010 wird ein Abschlusszertifikat verliehen.

Kosten
Teilnahmegebühr: € 900,- plus € 270,- Unterkunft & Vollpension, ermäßigt € 580,- plus € 270,- Unterkunft & Vollpension für Studierende und Arbeitssuchende.
Inklusivleistungen: 7 Tage Seminar, schriftliche Unterlagen und sonstige Materialien, Eintritte, Unterkunft und Vollpension in Schloss Retzhof an der Südsteirischen Weinstraße, Exkursion mit Busfahrt und Eintritt sowie Besuch einer steirischen Buschenschank.

Bewerbungsmodalitäten
Das Bewerbungsformular finden Sie hier.

Ihre Bewerbung richten Sie bitte an sommerakademie@museum-joanneum.at oder Fax +43-316/8017-9808 oder senden Sie per Post.
Teilnehmer/innen vorangegangener Sommerakademien sind herzlich willkommen.

Ende der Bewerbungsfrist
Dienstag, 15. Juni 2010


Programm

SA 7. August
ANKOMMEN


17:00 Vorstellungsrunde & Organisatorisches
Einführung: Museum in der Literatur
18:00 Abendessen
19:30 Vorstellung der „Wochenaufgabe“
Das Ausstellungsprojekt
Renate Flagmeier


SO 8. August
MUSEUM 3D/ IN ECHT/REAL > EXKURSION GRAZ

09:00 Abfahrt Retzhof nach Graz
10:00–12:00 Ausstellungsbesuch der Alten Galerie,
Schloss Eggenberg, Graz
Führung mit Astrid Edlinger

12:00–14:00 Picknick im Garten der Museumsakademie
14:00–16:00 Ausstellungsbesuch des Archäologiemuseums
Schloss Eggenberg, Graz
Führung mit Barbara Porod

16:30 Abfahrt Eggenberg nach Leibnitz
18:00 Abendessen
19:30Ausstellungsprojekt


MO 9.August
EINFÜHRUNG IN DIE MUSEUMSANALYSE
R. MUTTENTHALER -SCHWERPUNKT NARRATIV

09:00–10:00 Resümee der Exkursion
10:00–12:00 Roswitha Muttenthaler -Mit dem Auge denken Ausstellungsanalysen -Teil1
12:00–14:00 Mittagspause
14:00–17:00 Roswitha Muttenthaler -Mit dem Auge denken Ausstellungsanalysen -Teil 2
18:00 Abendessen
19:30 Ausstellungsprojekt

DI 10. August
GESCHICHTE/N IM MUSEUM (DIE KURATORENPOSITION)

09:30–10:30 MonikaFlacke -Historisches Museum
10:30–12:00 Renate Flagmeier -Objekte und Text
12:00–14:00 Mittagessen

14:00–17:00 Beat Gugger -Geschichten im Museum
18:00 Abendessen
19:30 Ausstellungsprojekt

MI 11. August
TEXTE ÜBER DAS MUSEUM

09:00 -12.00 Gottfried Fliedl -Funktion und Ideologie von Museumstexten
12:00–14:00 Mittagessen
14:00–16:00 Zur freien Verfügung

17:30Abfahrt Buschenschank -Weingut Pichler-Schober
ca. 22:00 Rückkehr zum Schloss


DO 12. August
LITERATUR/TEXTE ALS AUSSTELLUNGSGEGENSTAND

09:00–12:00 Heike Gfrereis -Das Literaturmuseum der Moderne
12:00–14:00 Mittagessen

14:00–17:00 Thomas Thiemeyer –Wissen und Museum
18:00 Abendessen
19:30 Ausstellungsprojekt

FR 13. August
GESTALTERISCHE & KÜNSTLERISCHE ARBEIT MIT TEXTEN

09:00–12:00 Ursula Gillmann -Text als Aufgabe der Ausstellungsgestaltung
12:00-14:00 Mittagessen

14:00–17:00 Till Velten -Das Gespräch als Forschungsmittel und Basis künstlerischer Arbeit
17:00 Vernissage der Ausstellungsprojekte
19:00 Abendessen

SA 14. August
ABSCHLUSSDISKUSSION

09:00–10:30 Schlusspunkt: Museumstexturen /
Lesearten des Museums
10:30 Brunch und Zertifikatsverteilung
12:00 Verabschiedung